Mit einem Gefühl der Ohnmacht erleben insbesondere stark von Migräne Betroffene die immer wiederkehrenden "Totalausfälle" - Prof. Katsarava, weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet der Schmerztherapie und Prof. Ostwald, Geschäftsführer des WifOR Instituts, beleuchten die sozialen und sozioökonomischen Effekte von Migräne.

Migränepatienten unterliegen während der immer wiederkehrenden Attacken einem kompletten Funktionsausfall. Typische Symptome sind halbseitig pulsierender Kopfschmerz, Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, häufig einhergehend mit Geruchsempfindlichkeit und sensorischen Störungen vor Beginn einer Attacke.

Starke Einschränkung im Leben

Es sind vor allem Frauen von den etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland, die mit unterschiedlicher Intensität unter Migräne leiden. Die Männerquote liegt ungefähr bei 2,5 Millionen Betroffenen. Meist trifft es Menschen zwischen 35 bis 45 Jahren. Ein Lebensabschnitt, in dem Menschen Karrieren aufbauen und Familien gründen. Betroffene sind somit in den produktivsten und wertvollsten Jahren ihres Lebens beeinträchtigt. Migräne gilt deshalb als dritthäufigste Ursache für Behinderung bei Menschen unter 50.

32% der Migränepatienten vermeiden es, sich etwas vorzunehmen, aus Angst, dass sie wegen Migräne absagen müssen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte Migräne zu einer der zehn Hauptursachen, aufgrund derer Männer und Frauen jahrelang mit Einschränkungen leben müssen. Auch Kinder kann diese neurologische Erkrankung ereilen. Sie tritt zudem in vielen Formen auf, Mediziner unterscheiden 22
verschiedene. „Betroffene müssen häufig jahrzehntelang mit starken Einschränkungen leben“, sagt Prof. Dr. Zaza Katsarava, Chefarzt für Neurologie, Intensivmedizin, Geriatrie und Schmerztherapie am Evangelischen Krankenhaus Unna und amtierender Präsident der Europäischen Kopfschmerzgesellschaft (EHF). „Da sich bei einer Migräne-Attacke der Schmerz bei Bewegungen massiv verstärkt, ist es den Patienten unmöglich, alltägliche Arbeiten auszuführen. Das schränkt ihr Berufsleben und Privatleben stark ein.“

Belastende Nebenerkrankungen

Im Auftrag der EU befragte die Eurolight-Studie rund 8.000 Menschen mit Kopfschmerzen und Migräne in zehn europäischen Ländern. Danach kommen für viele noch Nebenerkrankungen hinzu: Depressionen treten doppelt so häufig auf wie in der Normalbevölkerung. Menschen mit wahrscheinlicher chronischer Migräne, also mindestens 15 Kopfschmerztagen pro Monat oder Migräne-bedingtem Medikamentenübergebrauch, leiden zu 38,8 Prozent unter Angststörungen. „Die Patienten fürchten, regelmäßig und unvorhergesehen aus dem Leben gerissen zu werden und Termine oder Verabredungen immer wieder kurzfristig absagen zu müssen“, so Katsarava. „Sie fühlen sich den Attacken hilflos ausgeliefert und glauben, das eigene Leben nicht im Griff zu haben. Migräne ist tatsächlich
eine tückische Erkrankung dahingehend, dass die Betroffenen zwischen den Attacken völlig gesund wirken und während der Schmerzphase buchstäblich von der Bildfläche verschwinden.“

Einfluss auf das Familienleben

Leider hält sich das Verständnis im Freundes- und Familienkreis, im Arbeitsumfeld und sogar auch bei vielen behandelnden Ärzten in Grenzen – was wiederum die depressive Verstimmung verstärkt. So ergab die Eurolight-Studie: 52 Prozent der Eltern in einer Familie sagen, dass sie wegen ihrer Migräne eher Streit mit ihren Kindern hätten. 36 Prozent glauben, dass sie ohne Kopfschmerzen bessere Partner wären.

Wirtschaftliches Potential für die Gesellschaft

Welche Auswirkungen die Migräne nicht nur auf den Einzelnen, sondern auf die gesamte Gesellschaft hat, untersuchte WifOR, ein unabhängiges Wirtschaftsforschungsinstitut aus Darmstadt, in einer Studie im Jahr 2018. Es hat dafür die sozioökonomischen Kosten des so genannten Gesundheits-Fußabdrucks der Erkrankung bestimmt. „Dieser Fußabdruck misst den direkten gesundheitlichen Nachteil für Patienten in Form von verloren gegangener produktiver Zeit“, so Professor Dr. Dennis  A. Ostwald, Geschäftsführer des Instituts. „In unsere Berechnungen fließen sowohl die Arbeitszeit im Beruf als auch im Privatleben ein.“ Das Ergebnis: Insgesamt summieren sich die Kopfschmerztage der deutschen Migräne-Patienten auf 1,4 Milliarden Tage jährlich. Der Verlust produktiver Zeit an diesen Tagen entspricht (gemäß der im Modell getroffenen Annahmen)
1,9 Milliarden Stunden.

60 % der Migränepatienten verloren im vergangenen Monat 1 WOCHE Arbeitszeit wegen Migräne.

Das alles haben die Wissenschaftler auch in Euro umgerechnet: 147 Milliarden Euro potenzielle Bruttowertschöpfung entgehen der deutschen Volkswirtschaft durch diesen Zeitverlust - jedes Jahr. „Mit unserem erweiterten volkswirtschaftlichen Ansatz möchten wir aufzeigen, welches Potential einem Land wie Deutschland durch die mangelnde Versorgungssituation bei Migräne entgeht“, so Ostwald. „Das Ausmaß der bezahlten und unbezahlten Stunden, die so durch Migräne ausfallen, ist enorm: Pro Jahr deutschlandweit 1,9 Milliarden Stunden – das ist, als würde in München 15 Monate lang kein einziger Mensch arbeiten.“ Im Jahr 2025, so berechnet die Studie, wird die Zahl der Migräneerkrankten in Deutschland auf rund 11 Millionen angestiegen sein.

Mangelnde Versorgung

Was also tun? Ein Großteil der
Migräne-Patienten erhält hierzulande keine gesicherte Diagnose und damit auch keine adäquate medizinische Versorgung. Viele behandeln sich daher selbst mit frei verkäuflichen Schmerzmitteln – die bei zu häufigem Gebrauch wiederum Kopfschmerz verursachen und damit eine Migräne noch schwerer behandelbar machen können. „Das ist ein Armutszeugnis für die Situation der Versorgung.

Die Arbeitsproduktivität sinkt aufgrund schwerer Migräne um 52% wegen Fehltagen (Absentismus) und reduzierter Arbeitsfähigkeit (Präsentismus).

Migräne ist eine komplexe neurologische, aber gut behandelbare Erkrankung – und die Diagnostik, mit entsprechendem Wissen, Geduld und Zuwendung, wirklich kein Hexenwerk", so Katsarava.

Zwar stehen mit Medikamenten aus der Wirkstoffgruppe der Triptane effektive Optionen zur Akut-Behandlung von Migräne-Attacken zur Verfügung - doch insbesondere bei hoher Attacken-Frequenz und großem Leidensdruck empfiehlt die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie eine Prophylaxe-Therapie.

Neue Hoffnung in der Prävention

„Die bislang zur Attacken-Prävention eingesetzten Medikamente wurden ursprünglich für andere Indikationen, wie etwa Depression, Epilepsie oder Herzbeschwerden entwickelt“, so Katsarava. „Aufgrund des entsprechend ungünstigen Wirksamkeits-/Verträglichkeitsprofil brechen bis zu 80 % der Patienten die Behandlung mit herkömmlichen Prophylaktika trotz massiven Leidensdrucks innerhalb des ersten Jahres ab. Um Patienten die Angst vor dem nächsten schmerzhaften „Totalausfall“ zu nehmen, sind wirkungsvolle präventive Therapeutika dringend erforderlich.“
Die gute Nachricht: Hoffnung geben neue Therapien, bei denen ein Antikörper die Wirkung des Calcitonin Gene-Related Peptides (CGRP) hemmt. Die Wissenschaft nimmt an, dass CGRP als wichtiger Botenstoff eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielt. Das Ziel der Therapie: Blockiert man ihn, lässt sich das Auftreten der Attacken vermindern. Weltweit werden bereits mehr als 220.000 Migränepatienten mit einer gegen CGRP-gerichteten Therapie behandelt.

Information

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