Ein Anfall dauert bei mir meist zwei Tage. Im Moment habe ich eine gute Phase, sonst könnten Sie diesen Artikel gerade nicht lesen.

Während eines Anfalls liegt eigentlich alles brach: Ich kann nicht arbeiten, mich nicht um mein Kind kümmern, Alltägliches nicht erledigen und mich natürlich schon gar nicht verabreden oder etwas Schönes machen. Wenn es gut läuft, dann wirkt mein Schmerzmittel und es bleibt ein erträglicher Restschmerz zurück, den ich liegend gut aushalten kann. Wenn es schlecht läuft, hilft nur noch atmen.
Vor dem Anfall bin ich schon etwas wackelig, hinterher erschöpft und würde mich gerne ausruhen, was natürlich nicht drin ist, weil ich aufholen muss, was während der Migräne liegen geblieben ist.

Leben mit schlechtem Gewissen

Mit Migräne hat man immer ein schlechtes Gewissen – ich zumindest, weil ich nicht leisten kann, was ich leisten möchte, mich nicht so kümmern kann, wie ich es gern würde, und nicht so zuverlässig bin, wie ich es gern wäre. Ich kann nichts im Voraus planen und muss oft Verabredungen absagen, die ich deswegen meist vorsorglich gar nicht mehr treffe.

Von vereinzelten Anfällen zur Dauermigräne

Die Migräne war nicht immer so schlimm wie jetzt. Als es anfing, hatte ich nur alle paar Monate eine Attacke, konnte eine (sehr starke) Tablette nehmen und danach fast normal weitermachen. Im Laufe der Jahre kamen die Anfälle dann immer öfter, mit nicht mehr so klar abgegrenzten Attacken und viel Schmerzen dazwischen. Da lief das dann nicht mehr so rund und wirkte sich auch auf die Arbeit aus: Ich fehlte öfter oder schleppte mich auch schon mal kaputt ins Büro, wo ich dann natürlich wenig hinbekam. Wenn es mir wieder gut ging, strengte ich mich an, versuchte wettzumachen, was wegen meiner Migräne ins Minus geraten war, und provozierte damit nur, dass der nächste Migräneanfall umso schneller kam. Meine Kollegen waren verständnisvoll, mein Vorgesetzter versuchte, mir mit allen möglichen Modellen zu helfen, aber es reichte nicht aus. Irgendwann eskalierte das Ganze dann in einer Dauermigräne, die nur noch mit Kortison beendet werden konnte. Danach musste ich einsehen, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Ich war erschöpft. Seitdem bin ich komplett krankgeschrieben und das schon eine ganze Weile.

Gesundheitliche Zwangspause

Für Leute von außen hört es sich sicher schlimm an, dass ich meinen Beruf auf Eis legen musste  – ist es ja auch.
Natürlich wünschte ich mir, ich wäre nicht dazu gezwungen. Andererseits bin ich auch erleichtert, denn gesundheitlich geht es mir dadurch viel besser. Ich habe gerade eine neue Behandlung angefangen, die gut zu funktionieren scheint. Ich hoffe, dass ich wieder einen Weg finden werde, die Migräne mit einem Beruf zu vereinbaren, es muss nicht zwangsläufig derselbe wie vorher sein.

In der Zwischenzeit genieße ich erst mal, ein bisschen Luft für die Dinge zu haben, für die ich vorher keinen „Kopf“ hatte: Auch wenn ich kein Patentrezept zur Migräneheilung anbieten kann, habe ich über die Jahre einiges Wissen über Migräne angesammelt. Das möchte ich weitergeben. Deswegen habe ich vor etwas über einem Jahr mit einem Blog angefangen. Ich versuche, die Fragen zu beantworten, die ich selbst immer hatte: Zu welchem Arzt gehe ich? Welches Fachbuch ist wirklich gut? Gibt es neue Methoden? Was hat mir geholfen und was mache ich, wenn ich öfter als nur manchmal Schmerzen habe?

Doch meine größte Motivation ist der Austausch mit Leidensgenossen. Nur wer selbst betroffen ist, kann wirklich nachvollziehen, wie es mit Migräne ist. Welche unbedachte Bemerkung von anderen schmerzt, was alles ein Problem sein kann und was wirklich tröstet.

Ich kann nur allen raten, mit Migräne nicht allein zu bleiben, denn das Zusammensein mit anderen Betroffenen ist genauso heilsam wie das richtige Medikament.

Nina Bruch, 43 Jahre, schreibt auf kopflastig.blog über Hilfreiches bei chronischen Kopfschmerzen und Migräne.