Junge Männer sind eine besondere Risikogruppe. SHV entstehen bei äußerer Gewalteinwirkung auf den Schädel und das Gehirn durch Unfall, Sturz, Schlag, Explosion u.a. Diese Tatsache ist sehr bedeutsam, weil das Gehirn als unser Zentralorgan für jede Aktivität unseres Lebens verantwortlich ist, für Wahrnehmen, Erinnern, Fühlen und Erleben, Handeln, Bewegen und Kommunizieren.

90 Prozent der Hirnverletzungen gelten zwar als leicht, 10 Prozent jedoch als mittelschwer und schwer. Die Gefahr für eine SHV lauert überall.

Die Öffentlichkeit nimmt Anteil an tragischen Einzelschicksalen; die Medien berichten zunehmend aber auch über Kopfverletzungen beim Alltagssport (Fahrrad, Ski, Snowboard) und bei fernsehwirksamen Kontaktsportarten (Boxen, Eishockey).

Auch über die Gefahr von sozialer Gefährdung oder sogar von Demenzentwicklung bei wiederholten leichteren Hirnverletzungen wird berichtet. Dennoch ist die Erkrankung eine eher „stille Epidemie“, und dies obwohl jeder von uns an jedem Tag getroffen werden kann.

Die direkten und indirekten Kosten (Krankschreibung, Arbeits- und Schulausfälle, Behandlungskosten, Begutachtung) sind erheblich und belaufen sich auf 2,5 Milliarden Euro pro Jahr!

„Leicht“ zu Beginn -  keineswegs gleichbedeutend mit „leicht“ im Verlauf

Patienten mit einer vermeintlich harmlosen Gehirnerschütterung drängen schnell nach Hause. Sportler nehmen die Kopfprellung auf dem Spielfeld und Schüler die Rangelei mit Sturz auf dem Schulhof am liebsten „sportlich“ und gehen zur Tagesordnung über.

Etliche der Betroffenen erleben aber, dass „leicht“ zu Beginn, nicht gleichbedeutend ist mit „leicht“ im Verlauf. Nach einer Jahresfrist leiden noch 20 Prozent der Betroffenen unter Beschwerden (darunter Kopfschmerz Schwindel, Konzentrationsstörung und anderen Hirnleistungsstörungen und Bewegungsstörungen).

In einer Studie an fast 7.000 Patienten in Hannover und Münster haben Rickels und Kollegen feststellen können, dass ein Jahr nach einer leichten Hirnverletzung noch zwei Drittel der Betroffenen ihre Lebenssituation als verschlechtert und sogar sehr verschlechtert bewerten. 90 Prozent der betroffenen Schüler gingen zwar wieder zur Schule, ein Drittel beklagte aber eine „bedeutsame Veränderung der Schulsituation“.

In der Ausbildungs- und Arbeitswelt berichtete fast die Hälfte der Betroffenen (47 Prozent) nach Jahresfrist über teils erhebliche Veränderungen. Etliche Betroffene hatten sogar aus dem Berufsleben vorzeitig ausscheiden müssen und waren frühberentet, etliche hatten die Rückkehr in den Beruf noch nicht geschafft oder waren am Versuch der Wiedereingliederung gescheitert.

Vor dem Hintergrund dieser Fakten ist es bedenklich, dass nur etwa 4 Prozent (!) der SHV-Patienten überhaupt die Chance einer Rehabilitationsbehandlung erhalten hatten.

Es läuft nicht alles glatt in der postakuten Versorgungskette nach Schädel-Hirn-Verletzung

Es gibt Hinweise dafür, dass die Unterstützung in der Wiedereingliederung bei Hirnverletzten und Menschen mit anderen erworbenen Hirnschädigungen (Schlaganfall, Gehirnentzündung, Hirntumoren, Sauerstoffmangel) lückenhaft ist, und dass es vermeidbare Unter- und Fehlversorgung gibt. Angesichts der oft jungen Betroffenen, der demografischen Entwicklung und des vorhersehbaren Arbeitskräftemangels können wir uns das nicht mehr leisten.

Experten der Deutschen Vereinigung für Rehabilitation in Heidelberg (DVfR) sprechen von mindestens 50.000 möglicherweise 70.000 Patienten pro Jahr, die Hilfe für die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft, zur Rückkehr in privates und berufliches Leben benötigen! (www.dvfr.de Phase E)

Mit einem „Brain Check“ die Problemlage und den Versorgungsbedarf nach SHV erkennen

Im Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung (BG) ist das Brain Check Verfahren (Schmehl und Kollegen 2010) eingeführt und in einigen der Unfallkrankenhäuser stationär verfügbar. In der Schweiz gibt es ein vergleichbares ambulantes Verfahren speziell für die frühe und spätere Phase nach leichter traumatischer Hirnverletzung (Johannes und Kollegen).

Schon die Beantwortung von fünf einfachen, allgemeinverständlichen Fragen einige Wochen nach einem leichten oder mittelschweren SHV (oder auch später) würde zielstrebig auf die besondere Probleme („rote Fahne“) hinweisen können:

Fragebogen für Betroffene nach leichtem-mittelschweren SHV

  1. Waren Sie beim Unfall bewusstlos oder hatten Sie eine Gedächtnislücke?
  2. Leiden Sie seit dem Unfall unter Vergesslichkeit? Konzentrationsstörung? Antriebsminderung/ -steigerung? Unruhe oder erhöhter Aggressivität? Vermehrter Lustlosigkeit?
  3. Sind nach dem Unfall vermehrte berufliche (schulische) Probleme aufgetreten?
  4. Sind nach dem Unfall vermehrte private Probleme aufgetreten?
  5. Leiden Sie nach dem Unfall noch an Kopfschmerzen und benötigen Sie Schmerztabletten?

Ein bis zwei positive Antworten in dem Fragebogen lenken hin zu einer Beratung mit einem Facharzt (Neurologe, Nervenarzt, Psychiater, Neurochirurg, Neuropsychologen, Kinder- und Jugendlichen-Arzt). In einer vertiefenden Untersuchung lässt sich dann klären, ob neurologischer oder neuropsychologischer Behandlungs- oder sozialer und pädagogischer Förderbedarf besteht oder ob eine Reha-Maßnahme notwendig erscheint.

Die Probleme nach SHV bestehen u.a. häufig in einer allgemeinen Minderbelastbarkeit und Unausgeglichenheit. Diese Dinge sind behandelbar! Aber sie sind sind nicht leicht erkennbar und werden vom Betroffenen oft (beschämt?) überspielt oder verdrängt und von der Umwelt fehlgedeutet. Gerade dies führt aber oft zu Konflikten und Fehlentwicklungen in den privaten und beruflichen Lebensbereichen.

Was fehlt?

In der Versorgung von Schädel-Hirnverletzten fehlen - neben der Erkennung der nachgehenden Probleme und der Zusammenhänge -  in erster Linie die Möglichkeit zu Information und Beratung des Betroffenen (und seiner Angehörigen). Liegen relevante SHV-Folgen vor, fehlt oft eine vorausschauende Planung mit dem Betroffenen für das weitere private Leben, für Schule und Beruf („Teilhabeplan“).

Etwaiger Hilfebedarf (Leistungen) müssen festgelegt, die therapeutische Begleitung der Wiedereingliederung und eine Überprüfung und ggf. Anpassung des Versorgungskonzeptes (Fallmanagement durch einen „Kümmerer“) organisiert werden.

Neben einem „problembewussteren“ Funktionieren der ambulanten medizinischen Versorgung -auch nach initial vermeintlich leichtem SHV - müssen ambulante neurologisch-neuropsychologische Rehabilitationsmöglichkeit flächendeckend geschaffen und „barrierearm“ erreichbar werden.

Es gibt ganzheitliche Reha-Konzepte für die erfolgreiche Wiedereingliederung und die Teilhabe am privaten und beruflichen Leben für Hirnverletzte und sonstige Menschen mit erworbener Hirnschädigung.

Wichtig sind vor allem flexible und bedarfsgerechte Rehabilitation und Nachsorge - auch unter Einbezug von Familie, Schule und Betrieb.

Es ist wichtig, die sogenannte nachgehende neurologische Reha-Phase E zu gestalten: Die Prozesse der sozialen Versicherungssysteme, der Kranken- und Rentenversicherung, aber auch der Arbeitsverwaltung und Eingliederungshilfe sowie die Reha-Einrichtungen und die ambulante Patientenversorgung müssen sich weiterentwickeln: 50.000 bis 70.000 Menschen pro Jahr sind keine Randgruppe der Gesellschaft!

Phase E – Brücke zur Inklusion
www.dvfr.de