Er spricht über die Häufigkeit von Epilepsie, neueste Therapiemöglichkeiten und wann Eltern einen Arzt aufsuchen sollten.

Professor König, wie weit ist Epilepsie bei Kindern in Deutschland verbreitet?

Eine Epilepsie haben etwa 0,8 Prozent aller Menschen in Deutschland und gut die Hälfte der Epilepsien beginnen im Kindesalter. Isolierte Fieberkrämpfe kommen bei fünf Prozent aller Kinder vor. 

Wie viele Neuerkrankungen gibt es pro Jahr?

Die Neuerkrankungen an Epilepsien liegen für Erwachsene und Kinder zusammen bei rund 32.000 bis 38.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Genau kann man das leider nicht sagen, da es nur sehr wenig epidemiologische Studien in Deutschland gibt. 

Prinzipiell sollte immer ein Arzt aufgesucht werden, wenn Eltern unerklärliche Veränderungen am Kind feststellen.

Das ist recht häufig.

Ja, das stimmt. Es kommt durchaus in die Größenordnung von anderen Krankheiten wie Kinder-Diabetes und Bluthochdruck. 

Was sind die Anzeichen einer Epilepsie?

Es gibt wahnsinnig viele verschiedene Formen von Krampfanfällen. Fast jeder hat Grand-mal-Anfälle im Hinterkopf, bei denen man sich steif macht, zuckt und Schaum vor dem Mund hat. 

Und was gibt es noch?

Kurz ins Leere schauen und mit den Augen blinzeln, ein kurzes Zucken – wie ein elektrischer Stromstoß durch den Körper, Anfälle bei vollem Bewusstsein, bei dem nur die Hand zuckt  bis hin zu Anfällen, bei denen das Bewusstsein gänzlich verloren geht – die Bandbreite ist riesengroß. 

Wann sollten Eltern einen Arzt aufsuchen?

Ganz wichtig ist, dass andere Ursachen ausgeschlossen werden können. Anfälle treten plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung auf. Wenn ein Kind diesen typischen Grand-Mal-Anfall hat, sollte es sowieso klar sein, dass Eltern sofort einen Arzt aufsuchen sollten.

Sonst auch, wenn Kinder nicht ansprechbar sind oder nicht richtig reagieren. Auch, wenn Kinder morgens schlecht aufwachen, lange brauchen, um zu sich zu kommen oder auch nicht gleich richtig sprechen können, kann das eine Folge eines epileptischen Anfalles in der Nacht sein.

Welche Folgen können solche Anfälle haben?

Wenn ein Anfall sehr lange andauert, also mindestens 15 Minuten, kommt man in eine Größenordnung, wo Gehirnzellen absterben können. Ein kurzer Krampfanfall ist für das Gehirn an sich nicht gefährlich, vielmehr die Möglichkeit, sich dabei zu verletzten.

Inwiefern?

Auch wenn man nur einen kleinen Anfall mit einer kurzen Bewusstseinspause hat, kann diese beispielsweise beim Überqueren einer Straße lebensgefährlich sein, weil man nicht adäquat reagieren kann, wenn ein Auto kommt. 

Wie wird Epilepsie bei Kindern diagnostiziert?

Gerade wenn Kinder sich verbal noch nicht gut ausdrücken können, ist das entscheidende Instrument der Diagnostik die genaue Beschreibung der Eltern. Heutzutage machen viele Eltern eine Videoaufnahme von den Beobachtungen mit dem Smartphone oder der Digitalkamera. Liegt ein Verdacht vor, wird eine EEG-Untersuchung durchgeführt. 

Wie kann man Epilepsie behandeln?

Bei den meisten Kindern ist die Behandlung eine medikamentöse. Es gibt jedoch auch nicht-medikamentöse Behandlungsverfahren, wie epilepsie-chirurgische Eingriffe. Das kommt für Menschen infrage, die eine Fehlbildung im Kopf haben, die man erreichen und ohne Risiko auf  Verluste der geistigen Leistungsfähigkeit operieren kann.

Dann gibt es die Möglichkeit eines Vagus-Stimulator, der in der Brust – ähnlich wie ein Herzschrittmacher – eingebaut wird und regelmäßig elektrische Impulse abgibt, was zur Verminderung der Anfälle beitragen kann. Zudem gibt es noch die Möglichkeit der ketogenen Diät. Dabei wird der Körper künstlich in eine Hungersituation gebracht und dieser Hungerstoffwechsel kann auch gegen Krampfanfälle wirken. 

Was hat es mit den Immunglobulinen auf sich?

Interessant, dass Sie diese ansprechen. Die Immunglobuline werden als Infusion einmal im Monat via Zugang verabreicht. Bei manchen Kindern mit sehr großem Erfolg. Sie können das Immunsystem beeinflussen und Anfälle schwächen oder komplett unterbinden. 

Welche Erfolge kann man prinzipiell in der Epilepsie-Therapie erreichen?

Insgesamt kann man sagen, dass zwei Drittel der Menschen mit Epilepsie erfolgreich, also im Sinne der Anfallsfreiheit, behandelt werden können und unter Medikation ein völlig normales Leben führen können. Ein Drittel leider nicht. 

Ist Epilepsie heilbar?

Kinder haben die Chance durch die physiologische Veränderung des Gehirns aus einer genetischen Epilepsie vollständig herauszuwachsen, meist in der Pubertät. Als geheilt kann man auch eine erfolgreich operierte Epilepsie ansehen. Viele Patienten müssen aber ihre Medikamente jahre- oder sogar lebenslang einnehmen.