Wir können dann einem Sonnenuntergang zusehen, den Sand unter unseren Füßen und den Wind auf unserer Haut spüren. Allerdings müssen wir dieses Ereignis sorgfältig vorbereiten: die Reise, die Unterkunft, die Finanzen und so weiter. Dies braucht Planungsfähigkeit, Gedächtnis, Konzentration und Aufmerksamkeit und vieles mehr. Aber es hat sich gelohnt, dieses Zusammenspiel der Sinne macht uns glücklich.

So weit, so gut. Das Nervensystem kann aber auch anders: Es warnt uns, wenn ein Druckreiz auf der Haut gewebsschädigend wird oder wenn Wärme sich zur Hitze steigert und Verbrennungen drohen. Dann spüren wir Schmerzen und alle Glücksgefühle lösen sich in Luft auf. Warum die Natur dies eingerichtet hat, ist offensichtlich.

Wer einmal selbst eine schwere Migräneattacke aushalten musste, weiß, wie es sich anfühlt.

Ohne Schmerzen keine Warnungen, kein Schutz und kein umsichtiges Verhalten. Schmerz ist also eine überlebensnotwendige Sinneswahrnehmung. Dieses evolutionsbiologische Argument kommt aber an seine Plausibilitätsgrenze, wenn Schmerzen ihre Warnungsfunktion verloren haben und sie nicht Ausdruck einer drohenden Gewebsschädigung sind oder Ausdruck einer Erkrankung, der uns in eine Schonhaltung bringen soll.

Dies ist bei vielen Schmerzkrankheiten der Fall, von denen nicht wenige chronisch sind und die Lebensqualität der Betroffenen dauerhaft einbrechen lassen. Nicht symptomatische Kopf- und Gesichtsschmerzen gehören dazu. Kopfschmerzen kennt jeder. Man glaubt daher auch, mitreden zu können, weil ein Katerkopfschmerz oder ein leichter episodischer Spannungskopfschmerz zwar lästig ist, aber aushaltbar und vorübergehend.

Gar nicht damit zu vergleichen sind schwere oder chronische Kopfschmerzen. Wer einmal selbst eine schwere Migräneattacke aushalten musste, weiß, wie es sich anfühlt. Manche Gesichtsschmerzen wie der Clusterkopfschmerz oder die Trigeminusneuralgie bringen Patienten bis zum Suizid. Einige Menschen haben solche Schmerzen nicht nur ab und zu, sondern täglich. Dies ist nicht nur für die Betroffenen furchtbar, auch die volkswirtschaftlichen Konsequenzen sind immens.

Nicht nur das Licht ist „laut“ und ruhelos, der Fernseher läuft oder das Radio.

Über drei Millionen Krankschreibungstage sind in der Republik auf Kopfschmerzen und Migräne zurückzuführen. Die Therapie ist nicht einfach. Oft ist es mit einer Kopfschmerztablette nicht getan. Neben den Medikamenten zur Akuttherapie und zur Prophylaxe stehen nicht medikamentöse Therapien wie Entspannungsverfahren, Biofeedback oder Akupunktur zur Verfügung.

Mit einem Arztbesuch allein ist es daher nicht getan. Komplexe Verhaltensänderungen sind notwendig, um Auslöser und Verstärker der Kopfschmerzen zu kontrollieren. Hierzu zählen Stress, Schlafmangel und Bewegungsmangel. Wie bei den meisten Erkrankungen reichen also einfache Maßnahmen nicht aus. Ohne Veränderung des Lebensstils geht es nicht.

Dies ist leichter gesagt als getan. Schließlich gehen die meisten von uns neben einer geregelten Tätigkeit verschiedenen Hobbys nach, der Wochenplan ist eng getaktet. Wenn die Sonne untergeht, kehrt anders als früher nicht die Ruhe ein. Elektrizität lässt uns die natürlichen Dimmer übersehen, nachts ist es genauso hell wie am Tage. Nicht nur das Licht ist „laut“ und ruhelos, der Fernseher läuft oder das Radio.

Die Wahrscheinlichkeit vieler Zivilisationskrankheiten lässt sich aber durch einen gesunden Lebensstil reduzieren.

Wir sehen auf die Bildschirme unserer Laptops, Notebooks und Smartphones, checken nebenher E-Mails und die neuesten Nachrichten der sozialen Medien bis tief in die Nacht. Ruhe und Stille werden einerseits zum ersehnten Luxus, während wir andererseits um uns herum alles tun, um genau dies zu vermeiden. Das ist nicht gesund.

Unsere Hirnbotenstoffe und Hormone kommen durcheinander, Stresshormone haben die Oberhand, die neurobiologisch notwendigen Ruhephasen kommen zu kurz. Viele Erkrankungen sind schicksalhaft und wir können sie nicht durch Lebensstile vermeiden. Die Wahrscheinlichkeit vieler Zivilisationskrankheiten lässt sich aber durch einen gesunden Lebensstil reduzieren und viele Krankheiten lassen sich in der Schwere positiv beeinflussen.

Also: Gönnen wir dem Gehirn den nötigen Wechsel von Anspannung und Entspannung, lassen wir einmal öfter Fernseher und Computer aus, das Smartphone liegen und genießen die Stille und das Nichtstun.