Herr Hamer, was ist überhaupt Epilepsie?

Epilepsie ist eine ganz, ganz alte Erkrankung des Gehirns, die es wahrscheinlich schon länger gibt als Menschen - auch Tiere haben Epilepsie! Es ist im Kern eine unkontrollierte Entladung der Nervenzellen im Gehirn, und zwar vor allem der Hirnrinde. Diese Entladungen dauern meist etwa zwei bis fünf Minuten an.

Manchmal auch nur ein paar Sekunden, ganz selten kann es auch über Stunden gehen – im Mittel dauert es ein paar Minuten und führt zu zwei Dingen: Einmal wird die normale Arbeitsweise des Gehirns unterbrochen, es kommt – wieder nicht immer, aber in der Regel – zum Bewusstseinsverlust. Und zum Zweiten führen die Nervenzellentladungen eben zu völlig unkontrollierte Bewegungen, was zu den bekannten Zuckungen und Verkrampfungen führt.

Okay, verstanden. Aber warum?

Gute Frage, denn das kann ganz viele verschiedene Ursachen haben. Das geht von der genetischen Erkrankung bis hin zu erworbenen Hirnverletzungen wie Schädelhirntrauma, Hirntumor, Schlaganfall.

Aha, es gibt also verschiedene Arten von Epilepsie? Man kann es von vornherein „haben“, man kann es aber auch „bekommen“.

Ganz genau. Es kann angeboren sein, aber letztendlich kann im Prinzip jedes Gehirn, wenn man es nur lange genug „triezt“, einen epileptischen Anfall generieren. Sogenannte Designer-Drogen verursachen zum Beispiel recht häufig epileptische Anfälle. Es ist aber auch generell eine ziemlich häufige Erkrankung: Man darf annehmen, dass zwischen 0,5 und einem Prozent der Bevölkerung an wiederkehrenden epileptischen Anfällen leidet.

Das lässt vermuten, dass auch die Anfälle ganz unterschiedlich ausfallen können.

Richtig, es gibt ganz leichte Episoden, denken Sie etwa an die Geschichte von „Hans-guck-in-die-Luft“ - der hatte wahrscheinlich leichtere epileptische Anfälle! Es gibt sogar eine noch leichtere Form, da verliert man gar nicht das Bewusstsein, sondern hat einfach nur ganz merkwürdige Sinneseindrücke. Man riecht zum Beispiel etwas Komisches, obwohl es gar nichts zu riechen gibt. Da muss man vorsichtig sein, das ist ja nicht immer ein Anfall, wenn man was Komisches riecht – aber prinzipiell, sozusagen „technisch“ gesehen, ist das möglich.

Und am anderen Ende der Skala?

Da gibt es, das ist allerdings wirklich sehr selten, den sogenannten „Status Epilpticus“ – ein Anfall, der nicht mehr aufhört. Das kann Stunden, sogar Tage andauern, das ist dann wirklich lebensbedrohlich. Alle eindeutigen, „großen“ Anfälle, sind ziemlich dramatisch und bergen auch eine gewisse Verletzungsgefahr, aber 99,9 Prozent bleiben medizinisch ohne Folgen.

Nochmal zurück zu der Aussage, dass im Prinzip wirklich jedes Gehirn einen Anfall haben kann. Was können mögliche Auslöser sein? Reicht da schon ein schlechter Tag, ein stressiger Job, wohlmöglich einfach ein „dummer Zufall“?

(lacht) Nein, also von Liebeskummer, Alltagsstress oder zu viel Sonne kriegt man keinen Anfall, das muss schon ein sehr starker Reiz sein. Und auch nicht jedes Gehirn reagiert auf den gleichen Reiz gleichermaßen. Warum das im Detail so ist, weiß man nicht – aber prinzipiell kann es jeden treffen. Auch Haustiere, am häufigsten Hunde oder Nagetiere, und sogar Zebrafische können Epilepsie haben!

Wie bitte? Man hätte gedacht, es würde sich vielleicht auf Säugetiere beschränken. Was ist denn dann zum Forschungsstand zu sagen?

Wir kommen schon immer näher, aber wir wissen noch lange nicht alles über die Epilepsie. Zum Beispiel fehlt es noch immer total an verlässlichen Parametern, um das Risiko, die theoretische Anfälligkeit bei Menschen irgendwie vorherzusagen. Mit den Abläufen und Wirkungen kennen wir uns ganz gut aus - aber wir haben eigentlich keine Ahnung, warum der Nachbar links einen Anfall hat und nicht der Nachbar rechts. Das ist in der Therapie natürlich von großer Bedeutung; da sind wir nicht so weit, wie wir gerne wären.

Auch wenn man nicht weiß, warum genau – lassen sich denn überhaupt grobe Kategorien aufstellen? Betrifft Epilepsie mehr Frauen, mehr Männer? Mehr Junge, mehr Alte?

Ja, das kann man schon, und das ist dann auch keine „Daumenregel“, sondern eine epidemiologische Tatsache: am häufigsten betroffen sind statistisch gesehen Kleinkinder und alte Menschen. Allerdings sind bei Kindern die genetischen Epilepsien häufiger, bei Alten die erworbenen; insofern ist das auch wieder differenziert zu betrachten.

Kommen wir zur Therapie. Wie lässt sich so ein Phänomen überhaupt angehen?

Da gibt’s im Prinzip drei Möglichkeiten. Erstmal Medikamente. Wenn das nicht geht, kann man in vielen Fällen fokaler Epilepsie einen chirurgischen Eingriff machen. Und dann gibt es noch Nervenstimulatoren, die aber bisher eher unter „ferner liefen“ laufen, da sie nicht wirklich für viele Patienten geeignet sind. Mit den ersten beiden Arten der Behandlung können wir aber schon bis zu zwei Dritteln der Patienten helfen, von denen die meisten dann auch völlig anfallfrei sind. Wir wissen also zwar noch nicht genau, wo es herkommt – aber wie es weggeht, wissen wir schon relativ gut! (lacht)

Da haben wir die Kurve aber gerade nochmal so gekriegt, Herr Hamer! Fast wäre der Eindruck einer urzeitlichen, völlig unerklärlichen Krankheit entstanden, gegen die die Medizin im Ganzen so machtlos ist wie die Patienten im Einzelnen! Zum Schluss noch etwas Praktisches. Man sitzt im Büro, auf einmal hat der Kollege nebenan einen epileptischen Anfall – was tut man in so einer Situation am besten? Was tut man am besten auf keinen Fall?

Noch eine sehr gute Frage, vielleicht sogar die Beste! (lacht) Denn das ist tatsächlich eine ganz häufig auftretende Situation, und das betrifft ja potentiell wirklich jeden. Also erstmal ist ganz wichtig: Nicht festhalten! Der Kollege wird krampfen, so oder so, das geht manchmal bis zum Knochenbruch. Außerdem: Nichts in den Mund schieben! Das bringt gar nichts, im schlimmsten Fall schieben Sie auch noch die Zunge tiefer in den Rachen.

Also: Keine Panik, keine hektischen Aktionen, sondern: Während des Anfalls vor allem alles entfernen, woran man sich verletzen könnte. Und sobald der Anfall nachlässt, und der Kollege noch bewusstlos ist, in die stabile Seitenlage drehen. Ansonsten ruhig mit dem Kollegen reden. Wenn Sie ihn nicht kennen, den Notarzt rufen; wenn Sie ihn kennen, wissen Sie im Zweifelsfall ja schon besser Bescheid. Wenn der Kollege verwirrt ist, aufpassen und wenn nötig verhindern, dass irgendwas Dummes geschieht.

Wenn der Kollege wieder bei sich ist, kann man auch durchaus fragen: Sollen wir einen Arzt rufen? Denn für viele dieser Kollegen wird es nicht der erste Anfall sein, die kennen das schon - und die ganze Aktion mit dem Notarzt ist dann vor allem ein unnötiger und umständlicher Stress.

Da muss eine allerletzte Frage erlaubt sein: Haben solche Kollegen denn im Zweifelsfall eine Art „Epilepsieausweis“? Wie geht man damit um, wenn man über die Jahre schon dutzende Anfälle hatte?

Das ist ein ganz wichtiges Kapitel, das Sie aufschlagen. Denn man könnte versucht sein zu sagen: „Naja, die sind eben ab und zu mal für drei Minuten weg. Was soll’s?“ Und das stimmt ja auch eigentlich, denn Epileptiker sind ja genau so fit wie Sie und ich!

Aber: Die sozialen Konsequenzen sind oft katastrophal. Man verliert den Führerschein, man verliert den Job, man ist häufiger im Krankenhaus, auch die privaten Beziehungen leiden enorm. Da gibt es auch ein großes Regelwerk, welche Berufe unter welchen Umständen ausgeübt werden dürfen, das hängt ein riesiger Rattenschwanz dran. Auch in dieser Hinsicht würde es also nicht schaden, wenn allgemein etwas mehr Bewusstsein und Sensibilität für dieses Phänomen entstünde.