Ein unbeschwertes Familienleben, ein glückliches, freies Aufwachsen der Kinder ist vielfach kaum noch möglich. Auch die Kinder leiden mit ihren Eltern – wenn ihre Seelen krank sind, dann sind es oft auch die der Kinder.

Es geht nicht um Einzelfälle: Etwa drei Millionen Kinder in unserem Land haben mindestens einen suchtkranken Elternteil, jedes fünfte oder sechste Kind. Nehmen wir andere psychische Erkrankungen der Eltern hinzu, dann ist die Zahl noch viel höher. Diese Kinder und Jugendlichen müssen oft viel zu früh Verantwortung übernehmen, etwa für den Haushalt oder die kleinen Geschwister.

Und viel zu häufig bietet das Elternhaus eben nicht die Stabilität und Sicherheit, die Kinder brauchen. Kann ich mit Mama morgen reden? Kommt Papa abends betrunken nach Hause und schreit wieder nur rum? Schwere Belastungen, die nicht ohne Folgen bleiben: Ein Drittel der betroffenen Kinder wird später selbst suchtkrank, ein weiteres entwickelt andere psychische Erkrankungen – bislang.

Wir brauchen eine automatische Zusammenarbeit von Jugend- und Suchthilfe und ein breiteres Netz an Hilfsangeboten in den Städten und Gemeinden.

Das alles muss nicht so sein und ich finde, es darf nicht so sein! Wenn es uns gelingt, die Kinder suchtkranker oder psychisch kranker Eltern auf ihrem schwierigen Weg besser zu begleiten, lassen sich die Risiken deutlich reduzieren, im Interesse der Kinder und letztlich in unser aller Interesse. Was muss geschehen?

Meine Jahrestagung 2017 unter dem Leitmotiv „Kinder aus dem Schatten holen“ hat eindrücklich gezeigt, dass es sich bei der Hilfe für Kinder suchtbelasteter Eltern um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe handelt.

Alle Akteure – die Kommunen, die Länder, der Bund, die Krankenkassen und die Rentenversicherung – müssen die familiären Belastungen der Kinder noch mehr in das Zentrum ihrer Arbeit rücken. Wir brauchen eine automatische Zusammenarbeit von Jugend- und Suchthilfe und ein breiteres Netz an Hilfsangeboten in den Städten und Gemeinden.

Doch Unterstützungsangebote sind nicht alles. Was, wenn sich Kinder und Jugendliche einfach nicht trauen, über die Probleme zu Hause zu sprechen? Die Alkoholkrankheit der Mutter, die Glücksspielabhängigkeit des Vaters – das alles darf nicht länger das am besten gehütete Familiengeheimnis sein! Das setzt ein Klima der Offenheit voraus, sodass Kinder in der Schule, mit den Nachbarn oder ihren Freunden über ihre Sorgen sprechen und die notwendige Hilfe einfordern können.

Dass Suchterkrankungen und andere seelische Probleme kein Tabu mehr sein dürfen, dass mit ihnen kein Stigma verbunden sein darf, das ist eine Botschaft, die ich als Drogenbeauftragte jeden Tag wiederhole! Denn Stigmatisierung – was ist denn dieser Alkoholiker für ein Mensch? – ist nicht nur ungerecht, sie steht uns allen bedenklich im Weg, wenn es darum geht, Menschen aus der Sucht zu holen, sie wieder in Arbeit zu bringen oder ihre Kinder so zu unterstützen, dass sie selbst keine vergleichbaren Probleme entwickeln.

Auch in diesem Jahr werde ich im Rahmen meiner Jahrestagung „Stadt – Land – Sucht. Wer übernimmt Verantwortung?“ versuchen, ein Zeichen zu setzen. Es geht darum aufzuzeigen, dass Sucht ein gesamtgesellschaftliches Thema ist. Ich will wachrütteln, auf das Thema mit einem großen Ausrufezeichen hinweisen. Deshalb habe ich mehr als 400 hochrangige Akteure aus den unterschiedlichsten Bereichen nach Berlin eingeladen – aus dem Leistungssport, aus der Wirtschaft, aus den Medien. Alle müssen sich dem Thema Sucht stellen und schildern, wie sie damit umgehen und wie sie Verantwortung übernehmen.

Klar, das Leben ist leicht, solange alle gesund und zufrieden sind. Aber was, wenn sich alles ändert? Wir dürfen nicht ausblenden, dass seelische Probleme oder Abhängigkeitserkrankungen uns alle irgendwann betreffen könnten. Niemand kann behaupten, das Thema ginge ihn oder sie nichts an. Warum spricht jeder über seine Rückenschmerzen, aber nicht über seelische Probleme?

Das – und den praktischen Handlungsbedarf, wenn es um die Kinder geht – hat auch die Bundesregierung verstanden und das Thema, auch auf meine Initiative hin, in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Ein wichtiger erster Schritt ist die interministerielle Arbeitsgruppe mit dem Schwerpunkt „Hilfe für Kinder psychisch und suchtkranker Eltern“, die momentan untersucht, wo und wie unser Hilfesystem verbessert werden kann. Erste Ergebnisse werden im Frühjahr 2019 vorgestellt.

Ich werde dran bleiben und wünsche Ihnen allen beste Gesundheit – für Körper und Seele!