Angehörige schämen sich, vom Suizid eines Verwandten zu berichten. Ulrich Hegerl im Interview.

Warum ist Suizid in Deutschland immer noch ein Tabuthema?

Dass Suizid mit einem Tabu belegt ist, sehe ich nicht als das große Problem an, denn Tabus können sehr sinnvolle soziale Funktionen haben. Problematisch ist, dass Suizid mit Selbsttötung oder einer nachvollziehbaren Reaktion auf schwierige Lebensumstände gleichgesetzt wird.

Suizide sind aber fast immer Folge einer nicht optimal behandelten Depression oder anderer psychischer Erkrankungen, die mit hohem Leidensdruck und einer ins Negative verzerrten Realitätswahrnehmung einhergehen.

Spielen denn schwierige Lebensumstände wie zum Beispiel finanzielle Probleme oder körperliche Erkrankungen keine Rolle?

Wir neigen dazu, diese zu überschätzen. Eine Reihe von Studien belegt diese Einschätzung. So kam es nach der Wiedervereinigung in den östlichen Bundesländern trotz Zunahme der Arbeitslosigkeit, abrupten Karrierebrüchen und vielfältigem Sozialstress nicht zu einer Zunahme, sondern einer steilen Abnahme der Suizidraten.

Weiter hat eine große englische Studie mit Auswertung von Millionen von Patientenakten bei Hausärzten gezeigt, dass Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen inklusive Krebs, Herzinfarkt, Lungenerkrankungen oder Schlaganfall nicht häufiger Suizid begehen als Menschen ohne derartige Erkrankungen.

Wie viele Menschen wählen jährlich die Selbsttötung?

Jedes Jahr nehmen sich laut offiziellen Statistiken etwa 10.000 Menschen in Deutschland das Leben, eine schreckliche Zahl und höher als die für Verkehrsunfälle, Drogen und Mord- und Totschlag zusammengenommen. Hinzu kommen noch circa 200.000 Suizidversuche.

Erfreulich ist aber, dass es in den letzten Jahrzehnten einen deutlichen Rückgang der Suizidzahlen gab, denn vor 30 Jahren lag die Zahl noch bei 18.000. Dies dürfte Folge dessen sein, dass heute mehr Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen einen Weg aus ihrer Isolation finden, sich professionelle Hilfe holen und häufiger auch behandelt werden.

Gibt es bestimmte Merkmale, die sich bei Menschen, die Suizid begehen, ähneln?

Männer haben in Europa in allen Ländern ein deutlich höheres Suizidrisiko als Frauen. In Deutschland ist das Suizidrisiko besonders bei alten Männern drastisch erhöht. Bei Suizidversuchen ist die Verteilung entgegengesetzt. Hier liegt das höchste Risiko bei jüngeren Frauen. Es gibt eine Reihe von Erklärungen für diese Geschlechtsunterschiede, wie die Wahl drastischerer Suizidmethoden durch die Männer oder die größere Bereitschaft der Frauen, sich Hilfe zu holen.

Besonders für die Hinterbliebenen ist die Bewältigung oftmals viel härter als der natürliche Tod. Woran liegt das?

Ein Suizid ist immer auch eine Katastrophe und Traumatisierung der Hinterbliebenen. Quälende Fragen, ob die Gefahr nicht hätte erkannt und die schreckliche Tat verhindert werden können, stellen sich ein, oft verbunden mit Schuldgefühlen. Hier müssen die Angehörigen zusammenrücken, und in vielen Fällen ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Hauptschuldiger die psychische Erkrankung ist, die ja bei 90 Prozent der Suizidopfer vorgelegen hat.

Was wünschen Sie sich für den Umgang in der Öffentlichkeit bezüglich des Themas Freitod?

Wichtig ist zu erkennen, dass Suizide keine Selbsttötungen sind, sondern ebenso zutiefst sinnlos und tragisch wie Verkehrstote. Dann würde vielleicht bei politischen Entscheidungsträgern die Erkenntnis reifen, dass die Verhütung der jährlich 10.000 Suizide mit der gleichen Sorgfalt und dem gleichen Ressourceneinsatz betrieben werden muss wie die Verhütung der gegenwärtig circa 3.500 Verkehrstoten.