Weltweit sind etwa 60 Millionen Menschen betroffen, in Deutschland sind dies rund 800.000. Um mehr über die Krankheit zu erfahren, trafen wir Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI), Mannheim.

Herr Professor Meyer-Lindenberg, wie beschreiben Sie psychische Gesundheit?

Die Weltgesundheitsorganisation wählt als Kriterium das völlige Wohlbefinden, das Fehlen jeglicher psychischer Auffälligkeiten. Aufgrund repräsentativer Erhebungen, ist psychisch völlig gesund zu sein allerdings ein hohes Ziel, denn schon rund 40 Prozent der  Deutschen leiden mindestens einmal im Leben unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung, die sie beeinträchtigt und leiden lässt.

Was ist eine Psychose, was ist Schizophrenie?

Als Psychose bezeichnen wir eine psychische Störung, die so schwerwiegend ist, dass darunter der Kontakt mit der Realität leidet. Typische Symptome können Wahnvorstellungen sein, beispielsweise die, verfolgt zu werden oder von anderen beeinträchtigt zu werden, und auch Halluzinationen, also Wahrnehmungen von zum Beispiel Stimmen oder Gesichtern ohne einen realen Anlass.

Psychotisch kann man aus ganz verschiedenen Ursachen werden, zum Beispiel finden wir Psychosen bei Gehirnerkrankungen wie Schädel-Hirn-Traumen oder Hirnentzündungen, bei Demenzen wie der Alzheimer-Demenz, oder auch als Medikamentennebenwirkung.

Auch für die Schizophrenie sind psychotische Episoden typisch, aber weder sind Patienten mit Schizophrenie immer psychotisch, noch haben Patienten mit Psychose immer eine Schizophrenie, sondern oft auch eine der gerade erwähnten anderen Erkrankungen.

Um eine Schizophrenie zu diagnostizieren, müssen diese anderen Erkrankungen ausgeschlossen werden und typische psychotische Symptome über mehr als einen Monat anhalten. Das findet üblicherweise in der Pubertät oder in den Jahren danach das erste Mal statt, bei Frauen einige Jahre später als bei Männern. So diagnostiziert, leiden etwa ein Prozent der Bevölkerung an Schizophrenie.

Neben den psychotischen Symptomen weniger auffällig, aber für das Befinden der Patienten fast noch wichtiger sind sogenannte „Negativsymptome“. Die Patienten leiden unter Antriebslosigkeit, verlieren das Interesse am Leben oder an ihren Mitmenschen, haben eine Störung des Tag-Nacht-Rhythmus und ziehen sich immer mehr zurück. Die Symptome können oft denen einer Depression ähneln.  

Ist sich ein Patient mit Schizophrenie im psychotischen Zustand seiner Krankheit bewusst?

Das wechselt von Patient zu Patient und hängt auch von der Schwere der Psychose ab. Bei ausgeprägter Störung der Realitätsprüfung sind die Patienten oft nicht von der inhaltlichen Unrichtigkeit ihres Erlebens zu überzeugen und auch nicht der Meinung, sie seien krank. Aber viele Betroffene lernen mit der Zeit, dass auch noch so überzeugende Halluzinationen nicht real sind.  Das Erreichen von Krankheitseinsicht ist ein wichtiges therapeutisches Ziel der Psychotherapie.

Ist psychotisches Erleben schrecklich oder kann es auch beglückend sein?

Gelegentlich kann das psychotische Erleben auch als Glück erfahren werden, doch das ist eher die Ausnahme. Die meisten empfinden eine Psychose allerdings als große Belastung und leiden unter starken Ängsten.

Was sind die Erkrankungsrisiken?

Aus Zwillingsuntersuchungen wissen wir, dass das Erkrankungsrisiko zu 80 Prozent durch eine genetische Disposition bedingt ist. Daneben kennen wir auch klare Umweltrisikofaktoren, wie beispielsweise Cannabiskonsum in der Pubertät. Vor der ersten psychotischen Episode lässt sich auch oft eine psychosoziale Belastungssituation erfragen.

Die Ursache dieser Erkrankung ist noch unbekannt, wir gehen aber inzwischen davon aus, dass später schizophrene Patienten schon lange vor der ersten Psychose subtile Veränderungen der Gehirnreifung haben, die sie für Belastungen von außen anfälliger machen.  

Ist Schizophrenie heilbar?

Schizophrenie ist nicht heil-, aber gut behandelbar. Etwa ein Drittel der Betroffenen erlebt nur eine oder wenige Krankheitsepisoden und kann oft schnell ins normale Leben zurückkehren. Die Behandlung sollte immer durch den Facharzt erfolgen und psychotherapeutische mit pharmakologischen Methoden verbinden. Es gibt für Patienten mit wiederkehrenden oder chronischen Symptomen auch zahlreiche Hilfsmaßnahmen für die Verbesserung der Wohn-, Arbeits- und Ausbildungssituation.

Mit Hilfe neuer Medikamente erfolgt die Rückbildung psychotischer Symptome viel rascher und mit weniger Nebenwirkungen und durch eine Einnahme über die akute Krankheitsepisode hinaus kann die Rückfallquote deutlich gesenkt werden. Eine moderne medikamentöse Therapie hat immer die Verbesserung der Lebensqualität und die Reintegration der Betroffenen zum Ziel.