Wie entsteht eine Sucht, warum ist diese so (über)mächtig?

Eine Suchterkrankung ist nie ein alleinstehendes Krankheitsbild. Meistens gibt es psychische Konflikte oder psychische Erkrankungen wie beispielsweise Depression, Persönlichkeitsstörungen oder auch soziale Entborgenheit, die der Suchterkrankung die Basis geben. Sucht  oder auch Abhängigkeit definiert die WHO wie folgt: Es bezeichnet einen psychischen und auch körperlichen Zustand eines Menschen, bei dem ein unkontrollierbares Verlangen nach einer bestimmten Substanz oder nach einem bestimmten Verhalten besteht.

Zum Wesen einer Sucht gehören weiterhin Kontrollverlust, Verheimlichen, Lügen und (Selbst-)Betrug. Die Gewöhnung an das Suchtmittel führt zu einer Dosissteigerung, wodurch der Betroffene die Eigenkontrolle verliert. Darum ist es auch eine Erkrankung, d.h. der Süchtige hat im klassischen Sinne keine Schuld an den Symptomen und Verhaltensweisen, wohl aber eine Selbstverantwortlichkeit.

Sucht „hilft“ Anspannung auszuhalten

Bei jeglicher Art von psychischem Missbefinden, durch eine akut emotional belastende Situation oder eine bestehende psychische Erkrankung, wird Anspannung als unspezifisches psychisches Kardinalssymptom ausgelöst. Sucht dient in der Regel dazu Gefühle und die durch die Emotionen ausgelöste Anspannung zu verändern und erträglicher zu machen.

Hier kommen oft sedierende Substanzen (zum Beispiel Alkohol) ins Spiel, oder Stoffe, die eine bessere Stimmungslage versprechen und bereits bestehende körperliche wie psychische Symptome überdecken sollen, um weiter gesellschaftskonform leistungsfähig zu sein (zum Beispiel Kokain).

Trotz Stigmatisierung von Sucht in der Gesellschaft fördert eben diese die Entstehung

Sucht und andere psychische Erkrankungen sind Folge gesellschaftlicher Entwicklungen, wie ständiger Verfügbarkeit, hoher Zeit-, Leistungs- und Erwartungsdruck sowie die Tatsache, dass ein vorwiegend mechanistisch-rationales Menschenbild vorherrscht. Gefühle werden verdrängt. Es gibt kaum Raum für den Umgang mit Emotionen mehr, Gefühle werden verlernt.

Den  positiven Seiten der Individualisierung des Menschen stehen folgende negative Aspekte entgegen: Die Menschen sind untereinander unverbundener und damit entborgener. Emotionen, im Sinne von non-verbaler Kommunikationsstruktur, verlieren immer mehr an Wertigkeit. Dabei brauchen wir die emotionale Gefühlslage unserer Mitmenschen, um uns immer wieder zu kalibrieren.

Alternative Kommunikationswege wie soziale Medien, Mails und Fotos nehmen viele authentische Emotionen in der Kommunikation weg und soziale Isolationstendenzen verstärken sich. Das so entstehende immer größer werdende Unvermögen im Umgang mit Emotionen fördert die Neigung eine Suchterkrankung zu entwickeln. Echte, durch soziales Miteinander entstehende Aktivierungen des Belohnungszentrums nehmen immer mehr ab, süchtig-machende Substanzen oder Verhaltensweisen übernehmen dies kurzfristig bis zum Eintreten der Gewöhnung.

Was machen, wenn…?

Nach dem Erkennen von den schädlichen Auswirkungen der Sucht ist die Kapitulation der erste Schritt. Dann muss Verantwortung für die eigene Gesundheit übernommen werden und professionelle Hilfe hinzugezogen werden. Ein sogenannter „kalter“ Entzug  erhöht wissenschaftlich nachweisbar das Rückfallrisiko und ist zudem häufig auch lebensgefährlich, aufgrund eines je nach Substanz bestehenden Delir- und Entzugskrampfanfallrisikos.

Die optimale Behandlung

Für eine effiziente Behandlung einer Sucht-erkrankung sind folgenden Faktoren essentiell wichtig: Mitbehandlung der psychischen Komorbidität, tiefgehendes Verständnis der Persönlichkeitsstruktur als Schlüssel für die Erkenntnis, warum bei diesem eine Suchterkrankung entstehen konnte, eine sehr individuelle Behandlung, korrigierende Neuerfahrungen im Umgang mit Emotionen, Empathie, gesundheitsfördernde und entspannende Atmosphäre, symptomorientierte Medikation nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, Zusatzverfahren wie neuroelektrische Stimulation, körperliche Betätigung und achtsamkeitsbasierte Entspannungsverfahren.

Die Entzugsbehandlung sollte so angenehm wie möglich gestaltet werden. Prinzipiell kann man Suchtstrukturen nicht einfach nur wegnehmen, vielmehr müssen Alternativen angeboten werden. Dazu gehört es dann, die Genesungsstrukturen in den heimischen Alltag zu überführen und den stationär begonnenen therapeutischen Prozess ambulant weiterzuführen. Daneben sind Selbsthilfegruppen auf Augenhöhe und unter Menschen, die die gleiche Problematik haben, enorm wichtig.

Gelingt dies,  kann das sonst sehr hohe Rückfallrisiko nochmal deutlich gesenkt werden. So kann der Mensch wieder ein selbstverantwortliches Mitglied der
Gesellschaft werden.