Herr Stehfest, in unserer Kampagne geht es um die verschiedensten „Kopfsachen“. Wie sieht’s gerade in Ihrem Kopf aus?

Also jetzt gerade liegt mein Kopf auf dem Parkettboden meines Büros, ist ein bisschen nervös, möchte gerne schlau sein, möchte gerne zeigen, was er in letzter Zeit alles gelernt hat. Ich liebe diesen wunderbaren, chaotischen, kreativen „Cocktail“ im Kopf, diesen natürlichen Rausch, der ganz aus mir selbst kommt.

Was Ideen, Erkenntnisse, Erfahrungen, Wissen angeht, bin ich - frei nach Goethes Faust - immer „süchtig nach mehr“, ich finde eigentlich alles interessant. Im Gegensatz zu früher ist mein Kopf aber heute sehr klar geordnet und strukturiert. Ich brauche beides, das Chaos und die Klarheit. Ohne Struktur und Selbstdisziplin könnte ich nichts Sinnvolles aus dem ganzen Zeug machen. (lacht)

Was haben Sie denn in letzter Zeit gelernt?

Naja, ich hab ein bisschen was über meinen Kopf herausgefunden, sagen wir mal so. Das hat natürlich auch viel mit den Gründen zu tun, warum ich überhaupt angefangen habe, Crystal Meth zu nehmen. Aus Angst vor dem Scheitern hab ich mir damals im Kopf viel verbaut.

Mittlerweile weiß ich, dass mein Kopf nicht nur sehr viel möchte, sondern auch sehr viel kann, wenn er gefordert wird - dass es meinem Kopf sehr gut tut, drei, vier Projekte gleichzeitig zu machen, zwischen denen er hin- und herswitchen kann. Das hilft mir, am Ende des Tages befriedigt einzuschlafen.

Interessant, einerseits Rauschprinzip und viel Verschiedenes auf einmal, andererseits ein klarer Kopf und Selbstdisziplin. Sind das Gegensätze, oder ergänzt sich das für Sie?

Meine Äußerungen zu diesem Thema sind natürlich extrem individuell und treffen nur auf „meine Welt“ zu. Ich kann da nichts Allumfassendes sagen, ich kann nur versuchen, meine Sicht zu beschreiben - und da sehe ich schon sehr viel „Gleichschaltung“ unter uns Menschen. Wir stehen auf, wir putzen Zähne, wir haben Sex und so weiter, wir funktionieren ziemlich gut.

Aber dann gibt es eben noch einen kleinen prozentualen Anteil, der jeden von uns eben doch ganz individuell macht. Und ich glaube, dass dieser Anteil sehr viel mit Rausch zu tun hat. Ohne diesen individuellen, natürlichen Rausch gäbe es wohl keine originellen Ideen. Aber um in diesen Zustand reinzukommen, - und um eventuelle Ideen dann auch zu realisieren - das bedarf einer gewissen Struktur und Selbstdisziplin.

Man muss sich schon jeden Tag hinsetzen und zwei Seiten schreiben, dann kann es auch knallen im Kopf und man kommt in diesen wunderbaren, kreativen Rauschzustand. Man kann es nicht erzwingen – aber man muss es ermöglichen.

Sie haben ein Buch über Ihre zehnjährige Drogensucht geschrieben. Welche Rolle spielt der Kopf bei so einer Geschichte? Funktioniert der Kopf high einfach besser? Oder geht es gerade darum, den Kopf möglichst „auszuschalten“?

Bei mir ging es vor allem um die Angst vor dem Runterkommen - von „Ausschalten“ kann man da nicht reden. Nebenbei: Wenn ich früher erkannt hätte, dass „Ausschalten“ etwas Wunderbares ist, wäre mir einiges erspart geblieben! (lacht) Aber das war eben meine Prüfung, und die hat mich ja auch weitergebracht. Also, der Kopf spielt bei Crystal Meth eine sehr große Rolle.  Ich glaube sogar, dass deswegen in der Öffentlichkeit immer von „der gefährlichsten Droge der Welt“ die Rede ist.

Was ist denn so gefährlich daran?

Ich glaube, dass viele Menschen – und da zähle ich mich auf jeden Fall dazu – so im Alter von zwölf, dreizehn Jahren anfangen, in ihrem Kopf ein perfektes Abbild von sich zu schaffen. Man hat nicht den ersten Sex, nicht den prallsten Körper, nicht die besten Noten - und dann fängt man an, sich auszumalen, wie man eigentlich sein könnte. Das Gefährliche, das Verführerische an Crystal Meth ist, dass die Droge dieses Abbild aus dem Kopf in die Realität holt. Sie „schenkt“ dir eine perfekte Version von dir selbst – jedenfalls in der Selbstwahrnehmung.

Klingt gruselig einleuchtend. Wie äußert sich das?

Man ist plötzlich locker in jedem Gespräch, man hat Antworten auf Fragen, die man sich nie gestellt hätte, man schaut in den Spiegel und findet sich unfassbar schön. Von außen sehen andere das vielleicht anders - man selbst findet sich ganz zweifellos großartig. Und das ist gefährlich, denn den Preis zahlt der Kopf, und zwar an einem Punkt, an dem ich jedenfalls geglaubt habe, dass alles total perfekt läuft.

Wann sind Sie denn an diesen Punkt gekommen? Reift da langsam eine Erkenntnis oder muss etwas ganz Extremes passieren?

Beides. Ohne Erkenntnisprozess kann noch so viel passieren, ohne dass man sich veranlasst sieht, etwas zu ändern. Wer sich nicht gefangen fühlt, sieht kein Gefängnis - und sucht keinen Ausweg. Und andererseits reicht Problembewusstsein allein auch nicht aus, denn ohne Schockmoment fehlt die nötige Motivation. Man sieht dann vielleicht ein, dass man sich ein Gefängnis gebaut hat – aber es geht einem ja so gut, also „was soll’s“?

So ergibt sich ein jahrelanges Im-Kreis-laufen. Eigentlich ist es eher eine Spirale. So wirklich geknackt hat es bei mir erst während der Schauspielausbildung. Einfach schon aus dem Grund, dass im Grunde das erste Jahr der Ausbildung dafür da ist, sich mit sich selber auseinander zu setzen. Man ist also in jedem Unterricht damit konfrontiert, dass man die ganze Zeit „doppelt Buch“ führt. Und je größer der mentale Aufwand wird, der betrieben werden muss, um das ganze Lügenkonstrukt aufrecht zu erhalten, umso größer werden Angst und Paranoia.

Die Furcht vor sich selbst, vor der Wahrheit, vor der Wirklichkeit führt dazu, dass man sich ständig bedroht fühlt – also in die soziale Isolation. Man schließt sich ein, man geht nicht mehr raus. Der Punkt kam bei mir genau während der Prüfungsvorbereitungen. Meine Meerschweinchen sind gestorben, weil ich zu berauscht war. Und als ich das erste Mal mein wirkliches Spiegelbild gesehen hab, hab ich gemerkt, dass es jetzt auch ganz schnell mal komplett vorbei sein kann.

Wie schnell konntest du dein Leben ändern? Lenkt man direkt um, oder lässt sich das Lenkrad gar nicht so schnell drehen?

Ich hab da schon noch ziemlich lange am Lenkrad gerissen, einfach weil es „zu schön“ war. Das Problem bei mir war – und da gilt es vielleicht mal was geradezurücken -, dass es überhaupt nicht um eine „Partydroge“ oder „Modedroge“ geht, sondern um eine „Arbeitsdroge“. Wenn man sich das klarmacht, verändert sich die ganze Herangehensweise. Die Droge ist nicht entwickelt worden, um Party zu machen, sondern um effizienter – und das heißt auch weniger emotional – seiner Arbeit nachzugehen.

Um besser zu funktionieren.

Genau. Da sind wir schnell wieder beim Thema Leistungsdruck. Es geht also nicht um „Spaß“ und „Flucht“, sondern im Gegenteil um extreme Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit.

Inzwischen leistest du auch ohne „Hilfe“ wieder alles Mögliche, hast Familie und jede Menge Projekte am Start. Pflegst du heute irgendwelche „gedankenhygienischen“ Rituale? Treibst du jetzt fanatisch Sport, meditierst du stundenlang, bist du vielleicht religiös geworden? Oft wird ja eine Sucht durch eine andere ersetzt. Musstest du dir in diesem Sinn eine „neue Software“ in den Kopf bauen?

Nicht so direkt, aber insgesamt denke ich natürlich schon anders heute. Zum einen, das erfahre ich gerade durch die Auseinandersetzung mit dem Drehbuch, bin ich ein Mensch - und ich glaube, nicht der einzige -, der sein Schicksal, seinen Lebensweg lange Zeit davon abhängig gemacht hat, was für Alibis er hat. Mein Motto, sozusagen meine Message heute ist darum auch: Beseitige deine Alibis! Also alle Ausreden, die man sich selbst in den Weg stellt: Ich hab nicht genug Geld, ich komme aus der falschen Region, meine Kindheit hängt mir noch auf dem Rücken, ich hatte keinen Vater, ich hatte schlechte Lehrer, meine erste Freundin hat mir das Herz gebrochen – oder eben ich nehme Crystal Meth.

Eine ewige Kette von Ausreden dafür, dass ich es nicht schaffe, weiterzukommen. Ich bin fest davon überzeugt, dass man nur dann wirklich wachsen kann, wenn man diese Alibis beseitigt. Ich hab mir also keine neue „Software“ installiert, aber ich hab mir sozusagen Antennen wachsen lassen, die mir relativ früh Alarmsignale schicken: Male ich mir hier schon wieder eine schöne Ausrede, um irgendeiner Aufgabe aus dem Weg gehen zu können? Oder geht es wirklich um ein reales Problem?

So gesehen würden mir irgendwelche Rituale, die mich viel Zeit kosten, nicht helfen. Die würde ich als Alibis wahrnehmen. Ich will ja das machen, was ich eben machen will – und nicht irgendetwas anderes, das mich dafür erst irgendwie vorbereitet.

Welche Rolle spielt das Umfeld? Sie sprachen schon davon, wie schwer es war, alle immer zu belügen. Man kann sich ja aber – mit Verlaub – auch ein Umfeld unter jungen Schauspielschülern vorstellen, indem man sich gegenseitig sogar zu allen möglichen Untaten noch ermuntert.

Da gilt für mich ein Lebensprinzip, dem ich schon seit langem anhänge, nämlich das „Gesetz der Anziehung“. Ich glaube, wir ziehen mit unserem Denken und Handeln das an, was wir brauchen - um dahinzukommen, wo wir hinwollen. Und in der Zeit wollte ich eben den Rausch! Also hatte ich auch die Leute um mich, die dazu gepasst haben; die mir so oder so geholfen haben, die Droge zu „genießen“. Das heißt also nicht, dass man Leute anzieht, die einem per se gut tun – auch heute ist das nicht so. Ich brauche keine Leute, die mir nur Honig ums Maul schmieren, das bringt mich nicht weiter.

Mit geht es in meinem Leben darum, mich „abzuarbeiten“. Alles aus mir rauszuholen. Ich will in 40 Jahren das Gefühl haben, „Mensch, mehr ging nicht. Jetzt ist gut.“ Dann kann ich auch gern die Augen zumachen. Und darum ziehe ich heute eher Widerspruch an. Freundschaft ist für mich Widerspruch, Kontra geben, Kritik üben. Nur so kommt doch raus, was eine Sache wirklich wert ist, wie viel einem ein Projekt, ein Plan, vielleicht auch eine Person wirklich bedeutet.

Heute gibt es unglaublich viele Bücher, Ratgeber und Magazine zum Thema Psyche, Identität, Seele. Finden Sie Psychologie interessant? Lesen Sie Theoretisches?

Nee, eigentlich nicht. Ich hab‘s ja schon angedeutet: Meine „Lebensprüfung“ ist das Thema „Zeit“. Früher hab ich durch die Droge viel Zeit übersprungen. Ich war immer an schnellen Resultaten interessiert. Mittlerweile weiß ich wie schön es ist, Dinge auch mal eine Weile liegen zu lassen. Ich muss nicht mehr vorspulen. Ich muss nicht jetzt sofort irgendwas wissen, was eigentlich erst in ein, zwei Jahren „an der Zeit“ ist.

Was hat das mit der Frage zu tun? Ich hab gemerkt, für meine Arbeit als Filmemacher ist das Allerwichtigste, dass ich glaubhaft bin. Ich hab als Geschichtensammler so ein kleines Talent dafür, Menschen dazu zu bringen, mir ihre Geschichten zu erzählen. Und das schaffe ich nur durch Bodenhaftung und Authentizität. Nicht durch Imponiergehabe und „Fachwissen“. Okay, ich hab auch schon mal was gelesen – aber mein Instinkt sagt mir, dass mir irgendein Geraune a la „Freud hat ja schon damals…“ überhaupt nichts bringt.

Sind Sie ein Psycho?

(lacht) Die Frage kommt aber spät! Ach ich glaube, irgendwo sind wir alle Psychos. Die einen gehen damit bloß anders um als die anderen. Ich glaube auch, dass die Welt dazu da ist, die „Psychos“ nach vorne zu bringen.

Den Eindruck kann man haben! Abschließend zurück zu Ihrem Kopf: Welche Ideen haben Sie da gerade drin, wo tragen Sie den zurzeit hin, was macht Eric Stehfest mit der eroberten Zeit?

Jonglieren! (lacht) Also vor allem schreibe ich am Drehbuch und arbeite an der Verfilmung meines Buchs „9 Tage wach“. Parallel sitze ich – witzigerweise - mit einer Psychotherapeutin an einem Serienformat, das einen Suchtverlauf beschreibt; man könnte vielleicht zeitgemäß auch von „Suchverlauf“ sprechen. Da haben wir inzwischen 16 Themenfelder entwickelt, die ein Mensch im Laufe seiner Sucht durchläuft - und bei jeder Runde aufs Neue hofft, jetzt mehr zu wissen über sich, es anders zu machen. Aber mein Herzensprojekt neben diesen beiden ist momentan Gera.

Gera?

Ja, das in Thüringen! Da mach ich schon eine Weile ein Musikprojekt mit einem wirklich unfassbar guten Hip Hop-Produzenten. Und jetzt stellt sich heraus, dass das vielleicht doch ein bisschen umfangreicher wird, denn in Gera gibt’s einen neuen Bürgermeister und frischen Wind und ein Projekt, das sich „Gera 2025“ nennt – und mit dem man sich um den Titel der „Kulturhauptstadt Europas“ bewerben möchte. Und da bin ich momentan so ein bisschen eins der Flaggschiffe, um das nach vorn zu bringen.

Du liebst die Herausforderung! Wie sieht das konkret aus?

Ich hab das sogenannte „Stationsprinzip“ entwickelt: Unter dem Motto „Selbstheilung durch den künstlerischen Prozess“ kann man da durch zehn Stationen laufen, die sich jeweils mit Ernährung, mit Fitness, mit Theater, mit bildender Kunst und so weiter beschäftigen, um danach nicht nur Ideen und Visionen haben, sondern wirklich konkret in die Arbeit gehen zu können. Das ist natürlich jetzt wirklich eine ganz krasse Verkürzung.

Herr Stehfest, Respekt. Sie haben ja wirklich…

… Ah, Moment! Das Allerschärfste fällt mir grad noch ein. Und zwar fängt eine achte Klasse am Gymnasium gerade an, das Buch als Schullektüre zu benutzen! Insofern besteht da vielleicht auch bald die Möglichkeit, dass ich deutschlandweit an die Schulen gehen kann, um mit den Jugendlichen über – ich würde sagen – Identitätssuche zu sprechen. Das würde ich wirklich wahnsinnig gern machen, das wäre neben der Verfilmung und dem ganzen „Kunstzeug“ mal eine ganz „reale Sache“. (lacht)

Ich wollte gerade sagen! Man würde ja auch verstehen können, wenn Sie nach der Überwindung der Sucht und der Verarbeitung in einem Buch auch mal genug davon hätten.

Im Gegenteil! Gerade da, wo ich eine Angst verspüre, wovor ich mich drücken will - da will ich hin.