Frau Salkowski, kann man über Depressionen reden, ohne dass das Thema „runterzieht“?

Menschen reden tendenziell nicht gerne über unlustige Themen, wie über die Depression oder Suizidgedanken. Das macht Angst, da gibt es Hemmungen, das passt nicht ins Alles-ist-toll-Konzept. Natürlich kann ich darüber reden, ohne dass ich gleich in die nächste Klinik eingeliefert werden muss. Es gehört ja zu mir. Man kann diese Erkrankung ganz sachlich erklären, wie z.B. einen Herzinfarkt.

Ich glaube eher das Problem ist nicht das Darüberreden, das Problem ist eher das Zuhören und die darauffolgenden Reaktionen. Viele Betroffene trauen sich nämlich eher nicht darüber zu sprechen, weil sie Angst vor der Reaktion des Gegenüber haben. Weil das Thema nach wie vor ein schweres ist, ein Tabu, ein Etwas, das wissentlich existiert, aber wenig Lobby findet. Es darf nicht so sehr an die Oberfläche, wie der Herzinfarkt, es ist nicht „attraktiv“ genug.

Sind „schlechte Laune“ und „miese Stimmung“ zwar harmlose, aber im Prinzip wesensverwandte Phänomene - eine Art „Mini-Depression“? Oder geht es bei „richtigen“ Depressionen um etwas ganz anderes?

Das Schöne am Menschsein ist doch, das man unfassbar viele Emotionen und Gemütslagen besitzt. Jeder von uns hat mal schlechte Tage, keinen Bock, fühlt sich müde oder traurig, hat Liebeskummer, hat andere Sorgen, findet den Nachbarn scheiße oder reagiert manchmal gereizt auf den Chef. Jeder von uns kennt schlaflose Nächte, Appetitlosigkeit, Ängste, Wut, Überforderung und sehnt sich vielleicht mal nach Ruhe, Auszeit oder Abhauen. Das ist völlig menschlich und normal, aber hat nichts mit der Erkrankung Depression zu tun.

Depression ist eine ganz andere Liga. Man fühlt und hat zwar teilweise das alles, was ich oben beschrieben habe, aber mal hundert multipliziert, viel intensiver und in völlig anderen Dimensionen. Depression ist eine Wucht, eine graue Welt, ein Zustand, in dem man sich nicht mehr bewegen kann. Der ganze Körper und die Seele sind wie gelähmt. Es gibt nichts lebendiges mehr, keine Farben und keinen Sinn. Und das über Monate, manchmal sogar über Jahre hinweg.

Wenn das Phänomen so gut verstanden wird, warum wird nicht viel mehr Menschen viel schneller geholfen?

Ich persönlich finde nicht, dass diese Erkrankung gut verstanden wird, in vielen Bereichen nicht. Seelische Erkrankungen wie die Depression wirken sich enorm auf unsere Gesellschaft und auf die Wirtschaft aus - mit fatalen Folgen. Würde das Verständnis und der Blick auf die

Konsequenzen vorhanden sein, würde sich auch etwas verändern. Stattdessen wird oft weggeschaut oder einfach an Strukturen festgehalten, die kontraproduktiv sind - weil es eben bequem ist und nichts kostet, und weil man es schon immer so gemacht hat. Alle Gruppen müssen an einen Strang ziehen. Ob die Politik, Ärzte, Krankenkassen oder Arbeitgeber. Wir sollten uns auch mal ganz allgemein mit unseren gesellschaftlichen Werten, Strukturen, Regeln und unserem Leben auseinandersetzen. Ist das alles so richtig, was wir tun oder macht uns das krank? Veränderung setzt eine Auseinandersetzung mit unschönen Dingen, ein Neudenken und Mut voraus.

Könnte auch eine Art „Flucht in die Oberflächlichkeit“ eine Lösung sein? Können „alberne Ablenkungen“ (Spiele, Witze, Komödien, „Fail“-Videos, etc.) eventuell mehr helfen als die intensive Beschäftigung mit dem Problem?

Für einen kurzen Moment - vielleicht. Gehen Sie vor lauter Liebeskummer einen trinken, hilft das womöglich für den Abend, aber es lässt ja das Problem nicht verschwinden. Am nächsten Morgen fühlen Sie sich meistens noch beschissener. Das Ganze muss man individuell betrachten. Manchen Betroffenen hilft diese Art von Ablenkung für eine kurze Zeit, manche Betroffene werden durch sowas nur noch kränker. Langfristig gesehen kann nur eine Auseinandersetzung mit der Ursache Veränderung schaffen.

Denn wollen wir mal nicht vergessen: Die Depression ist eine gefährliche Erkrankung. Da muss man richtig ran. Das ist natürlich anstrengender, als sich ein paar Witze anzuhören, völlig klar. Aber wer sich wirklich besser fühlen möchte, der muss den Kern heraus graben - mit Hilfe von Fachfrauen und -männern. Der muss ackern und schwitzen, Tränen vergießen und die Wut rauslassen, der muss sich der Angst stellen, der muss lernen und Emotionen durchleben, und der muss vor allem bereit sein, hinzuschauen.

Sie moderieren eine ganze – preisgekrönte - Radiosendung über psychische Erkrankungen. Wie groß ist da der Anteil von Analyse und Information im Verhältnis zu Hilfe und Support?

In erster Linie geht es bei Radio sonnengrau darum, das Thema seelische Erkrankung aus der Tabuzone rauszuholen und in die mediale Öffentlichkeit zu tragen. Wir sprechen zum einen mit Medizinern und Psychologen sachlich über diverse Formen der seelischen Erkrankung, stellen Therapiemöglichkeiten vor, erklären Symptome und Ursachen und geben Tipps für Betroffene und Angehörige. Zum anderen sind wir an den Menschen interessiert. Wir haben zahlreiche Interviews mit Depressionspatienten geführt, mit Angehörigen, mit solchen, die einen Suizidversuch überlebt haben oder mit Kindern und Jugendlichen, die über Mobbing und Stress in der Schule sprechen.

Wir lassen auch Prominente zu Wort kommen, die über ihre Seelenkrisen, ihre Depression und oder über Suizidgedanken reden. Die Bandbreite ist groß und unfassbar spannend - und vor allem sehr effektiv. Zuhörer saugen diese Geschichten regelrecht auf und sind dankbar dafür. Denn je mehr darüber reden, desto schneller verändert sich etwas. Radio sonnengrau ist aber keine klassische Beratungsstelle und keine Selbsthilfegruppe. Im Grunde geht es darum, das Radioprojekt als Sprachrohr zu nutzen, um dem Thema Psychische Erkrankung eine Lobby zu geben. Es geht auch darum, Menschen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, nicht ängstlich sein müssen und verstanden werden.

Ich würde mich daher nicht als Therapeutin bezeichnen - ich bin nur eine, die vor sechs Jahren kurz davor war freiwillig aus dem Leben zu treten und gerettet wurde. Ich wollte aus dieser schrecklichen Phase etwas Sinnvolles machen. Ich bin vielleicht eine Art Aufklärerin und eine Erzählerin.

Sie merken schon, wir sind auf der Suche nach dem richtigen Ton, dem richtigen Umgang, dem schmalen Grat: Wann/wen nimmt man in den Arm – wann/wen nimmt man auf den Arm? (- im Sinne eines aufmunternden, gut gemeinten „Ach komm, lach doch mal, wir gehen erstmal ein Eis essen!“)

Würden sie einen Freund mit gebrochenen Beinen dazu motivieren, heute einen Marathon zu laufen? Nein. „Lach doch mal“ und „Geh doch mal an die frische Luft“ sind typische Sätze, die für einen Betroffene kaum ertragbar sind und ihn noch mehr unter Druck setzen. Denn er würde ja furchtbar gerne, aber er kann es eben nicht, weil er eine gebrochene Seele hat.

Er ist krank. Aber ja, es ist schwierig die richtige Reaktion und Aktion zu finden – keine Frage. Angehörige und Freunde von Depressionsbetroffenen sind oftmals mit der Situation überfordert und wissen nicht genau, was sie tun sollen. Nicht umsonst gibt es mittlerweile zahlreiche Selbsthilfegruppen für Angehörige psychisch Kranker. Zu allererst sollte man den Betroffenen ernst nehmen und sich für seine Erkrankung interessieren. Niemals sollten die Emotionen des Gegenüber ins Lächerliche gezogen oder herunter gespielt werden.

Ich glaube die Zauberwörter lauten Empathie und Geduld. Mir hat es damals sehr geholfen, dass Freunde zugehört und mich bei alltäglichen Dingen unterstützt haben, wie z.B. Wäsche waschen, einkaufen, Post bearbeiten oder Therapeuten anrufen. Oftmals ist man in akuten Phasen dazu gar nicht mehr in der Lage. Sie machen nichts falsch, wenn sie sich regelmäßig melden, auch wenn der andere erstmal nicht darauf reagiert. Sie machen nichts falsch, wenn sie immer und immer wieder kleine Schritte versuchen. An einem Spaziergang und frische Luft ist nichts auszusetzen - das hilft sogar. Nur sollte der Betroffene nicht unter Druck gesetzt werden, dies zu tun.

Sie sagen von sich selbst, dass Sie viel zu spät Hilfe gesucht haben. Was können Menschen tun, die das Gefühl haben, sie stünden am Anfang einer Depression. Hilft da wirklich nur noch professionelle Hilfe, oder gibt es „Tricks“, wie die „Spirale“ sich stoppen lässt?

Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Eine Depression ist nicht gleich eine Depression. Es gibt verschiedene Arten und verschiedene Ursachen. Wir müssen außerdem bedenken, dass Menschen Individuen sind. Jeder kam aus einem anderen Mutterleib, jeder ist anders aufgewachsen, jeder hat seinen eigenen Lebensweg und jeder geht anders mit Situation und Emotionen um. In meinem Fall glaube ich nicht, dass ich es hätte aufhalten können, weil schon als Kind zu viele Wunden in mir schlummerten, die an die Oberfläche mussten.

Das Ganze war so gewaltig, das hätte ich niemals alleine geschafft. Sicherlich helfen präventiv ein gesundes, sicheres Aufwachsen mit Urvertrauen, gute Ernährungsweise, regelmäßige Bewegung, Meditation, die ständige Auseinandersetzung mit sich selbst, das Ausleben der eigenen Bedürfnisse, eine gewisse Selbstliebe und der Aufbau eines guten sozialen Netzwerks. Aber auch das alles ist keine Garantie für ein depressionsfreies Leben. Ich kenne viele, die das alles machen und haben, aber dennoch in eine Seelenkrise geraten sind. Es kann jeden auf jedem Lebensweg treffen.

Information

Erfahren Sie mehr von Tanja Salkowski auf ihrem Blog www.sonnengrau.de.

Das Buch von Tanja Salkowski "sonnengrau. Ich habe Depressionen - na und?", erschienen im schwarzweissradio Verlag, ist unter anderem hier erhältlich.