Anscheinend. Denn hinter den Zahlen steckt ein positives Phänomen: Dank Aufklärung werden viele Krankheitsfälle inzwischen überhaupt erst bemerkt – und richtig behandelt. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig.

An welchen Symptomen merkt man, dass man tatsächlich unter einer Depression leidet?

Von einer depressiven Erkrankung wird gesprochen, wenn die Betroffenen über mindestens zwei Wochen unter mehreren Beschwerden leiden. Dazu zählen zum Beispiel hartnäckige Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Schuldgefühle, Konzentrationsstörungen und ein tiefes Erschöpfungsgefühl. Die Situation wird fälschlicherweise als völlig ausweglos wahrgenommen und oft stellen sich Suizidgedanken ein.

In den letzten 30 Jahren ging die Zahl der Suizide (Selbsttötungen) von 18.000 auf wenig mehr als 10.000 pro Jahr zurück, vermutlich auch weil mehr depressive Erkrankte Hilfe bekommen.

Was sind die Ursachen dieser Erkrankung?

Ich verwende immer das Bild der Medaille mit zwei Seiten, der psychosozialen und der körperlichen Seite. Psychosoziale Belastungen aus der Kindheit können das Erkrankungsrisiko im späteren Leben erhöhen, und gegenwärtige Lebensereignisse wie Verlusterlebnisse, Überforderungen, aber auch Positives wie Urlaubsantritt oder bestandene Prüfung können als Auslöser einer depressiven Krankheitsphase wirken.

Auf dieser Seite der Medaille greift die Psychotherapie an. Immer gibt es aber auch die  körperliche oder neurobiologische Seite der Medaille. Hier kann die genetische Veranlagung das Erkrankungsrisiko erhöhen und ein Ungleichgewicht kann den Botenstoffen im Gehirn den depressiven Krankheitszeichen zugrunde liegen. Letztere können durch Medikamente wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.

Da die Medaille immer zwei Seiten hat, ist es oft sinnvoll, sowohl mit Antidepressiva als auch Psychotherapie zu behandeln.

Wer kann unter dieser Krankheit leiden?

Über unsere Stiftung Deutsche Depressionshilfe klären wir unter anderem auf, dass Depression jeden treffen kann. Ältere Menschen erkranken übrigens nicht häufiger an schweren Depressionen als jüngere Menschen, obwohl das Alter mit mehr Verlusterlebnissen und Bitternissen einhergeht. Das weist darauf hin, dass Depression weniger von äußeren Faktoren abhängt als vielfach angenommen. Depression ist mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände.

Nehmen Depressionen zu?

Statistisch spielt die Diagnose Depression eine zunehmend größere Rolle bei Frühberentungen und Krankschreibungen. Dies heißt aber nicht, dass heute mehr Menschen als früher unter Depressionen leiden. Die Betroffenen suchen sich nur häufiger Hilfe und die Diagnose wird öfter und korrekter gestellt. Dies dürfte mit eine sensationelle Entwicklung erklären.

Fällt auch der sogenannte Burn-out unter diese Krankheit?

Burn-out ist keine definierte Erkrankung, sondern zunächst eine Befindlichkeitsstörung. Oft versteckt sich aber dahinter eine depressive Erkrankung, die ja auch immer mit Erschöpfung und dem Gefühl der Überforderung einhergeht. Burn-out klingt nur einfach besser.

Burn-out ist übrigens ein rein deutsches Phänomen. Im Rest der Welt gibt es keine Burn-out-Diskussion. Leider ist es auch ein Begriff, der Verwirrung stiftet. Bei „Burn-out“ liegt die Empfehlung nahe,  kürzerzutreten und beispielsweise Urlaub zu machen. Steckt aber eine Depression dahinter, so wäre das aber genau falsch. Die Depression reist mit in den Urlaub, und viel Schlaf kann die Depression verschlechtern. Schlafentzug wirkt ja überraschend antidepressiv.

Warum das so ist, untersuchen wir übrigens im Forschungszentrum Depression, das dieses Jahr mit Unterstützung der Deutsche Bahn Stiftung seine Arbeit aufgenommen hat.