Privatdozentin Dr.phil., Dipl.-Psych., Dipl.-Theol. Rita Bauer, psychologische Psychotherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Dresden, verrät im Interview die Vorteile einer begleitenden Online-Therapie.

Welche Rolle spielt die Psychotherapie in der Behandlung von Depressionen?

Die Ergebnisse von Studien zeigen eindrücklich, dass die Kombination von Psychotherapie und Medikamenten die höchsten Wirksamkeitsraten hat und die Rückfallwahrscheinlichkeit gegenüber einer rein medikamentösen Therapie stark senkt.

Aus eigenen Studien wissen wir, dass über 80 Prozent der psychisch Kranken das Internet gezielt zur Krankheitsbewältigung nutzen.

Die Wartezeiten in der kassenärztlichen Versorgung für einen Therapieplatz betragen jedoch nicht selten sechs Monate. Dies ist für einen depressiv Erkrankten ein unvorstellbar langer Leidenszeitraum.

Was können Betroffene tun, wenn Termine beim Therapeuten rar sind?

Patienten können während der Wartezeit auf einen Therapieplatz bereits an der Krankheitsbewältigung arbeiten. Hierzu gehört die ausführliche Information über das Thema. Dazu werden eine Vielzahl von Ratgebern und Anleitungen zu mehr Achtsamkeit und Entspannungstipps angeboten. Auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe kann anfangs helfen.

Menschen mit starken Schamgefühlen oder Stigmatisierungsängsten werden vielleicht über diese Art der Online-Therapie leichter erreicht.

Zudem wissen wir aus eigenen Studien, dass über 80 Prozent der psychisch Kranken das Internet gezielt zur Krankheitsbewältigung nutzen. Die Qualität der Inhalte ist jedoch sehr unterschiedlich, manche Informationen sind schlichtweg falsch und können die Krise des Patienten sogar verstärken.

Ferner gibt es heute im Bereich der depressiven Erkrankung mehrere Online-Therapieprogramme. Dabei sprechen Wirksamkeitsnachweise klar für die Programme, in welche eine zumindest gelegentliche Therapeutenbegleitung integriert ist.

Sind Online-Therapieprogramme denn sinnvoll?

Ja, denn Online-Therapieprogramme unterstützen nicht nur den Erwerb von Krankheitswissen, sondern leiten auch zu mehr Entspannung sowie Achtsamkeit im Alltag an und zielen auf die Steigerung von Selbstvertrauen und Selbstakzeptanz. Doch hier gilt: Die Wirksamkeit muss in gut kontrollierten Studien belegt sein.

Durch die vermittelten Basiskenntnisse und Grundfertigkeiten starten diese Patienten auf einem ganz anderen Kenntnisstand und Level der Selbstreflexion in eine Therapie.

Und nicht zuletzt werden Menschen mit starken Schamgefühlen oder Stigmatisierungsängsten vielleicht über diese Art der Online-Therapie leichter erreicht und finden dann auch den Weg in die klassische Psychotherapie.

Die Programme sind besonders in folgenden Fällen sinnvoll:

  • vorbeugend für Risikogruppen
  • wenn kein Psychotherapeut in der Nähe oder der Patient selbst immobil ist
  • zur Überbrückung der Wartezeiten unter ärztlichem Monitoring vor Therapiebeginn
  • als Ergänzung zu einer klassischen Therapie oder wenn keine traditionelle Therapie gewünscht ist
  • wenn der Betroffene lieber psychologisch als medikamentös behandelt werden möchte
  • bei starken Ängsten vor Stigmatisierung, hohem Scham- und Vermeidungsverhalten

Ihr Fazit?

Online-Therapieprogramme, die in Wirksamkeitsstudien ihren Erfolg unter Beweis gestellt haben, stellen eine sinnvolle Ergänzung zu den bisherigen traditionellen Verfahren der Psychotherapie dar und lassen depressiv Erkrankte wie auch Therapeuten nachhaltig profitieren.