Es gibt allgemein den Trend, dass immer mehr Menschen aufgrund ihres Berufs unter Erschöpfung leiden. Belegen dies auch Fakten?

Die Daten der großen Krankenkassen zeigen, dass psychische Erkrankungen inzwischen an dritter Stelle als Grund für Arbeitsunfähigkeitstage stehen. Mit rund 14 Prozent kommen sie direkt nach Erkrankungen des Muskelskeletts und der Atemwege. Allerdings sind die Fehltage am Arbeitsplatz aufgrund von Burn-out-Symptomen nach einem Anstieg von 2004 bis 2011 seit 2012 wieder zurückgegangen.

Woran liegt das?

Offensichtlich hat die mediale Diskussion zu einer höheren Sensibilität in Bezug auf psychosoziale Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz geführt. Auch die Hausärzte gehen differenzierter mit dem Thema um. Immer mehr Patienten trauen sich, zum Arzt zu gehen und das Thema anzusprechen. Dennoch können wir keine Entwarnung geben.

Was genau verbirgt sich hinter dem oft zitierten Burn-out?

Burn-out ist keine psychische Erkrankung. Seine Anzeichen sind sogenannte Risikofaktoren, die chronische Stressbelastung anzeigen. Sie können dann, wenn keine Stressentlastung erfolgt, zu psychischen Erkrankungen führen, wie zum Beispiel Depression, psychosomatischen Störungen, Ängsten oder Süchten.

In der Debatte sollte auch vermieden werden, dass Burn-out nicht als die „feinere Erkrankung“ gilt. Nach dem Motto: Wer gebrannt hat und ehrgeizig ist, leidet an Burn-out, und die weniger Leistungsorientierten erkranken an Depression und Psychosen.

Was sind die ersten Anzeichen eines Burn-outs?

Oft fehlt den Patienten die Konzentration, sie schlafen schlecht und erholen sich nicht mehr, können nicht mehr abschalten.

Welche Faktoren spielen bei dieser Überbelastung eine Rolle?

Zum einen sind Persönlichkeitsfaktoren entscheidend. Sehr leistungsorientierte Menschen sind sicher anfälliger. Es gibt aber auch Ursachen in der Arbeitswelt.

Wie können Arbeitgeber zu viel Stress für ihre Mitarbeiter vermeiden?

Mitarbeiter leiden heute unter deutlich mehr Belastung, erhöhtem Zeitdruck, unstrukturierten Abläufen oder fehlenden Ansprechpartnern. Oft sind auch Erholungspausen zu kurz. Sehr problematisch ist die Vermischung von privatem und beruflichem Leben. Denn dank moderner Medien ist man jederzeit erreichbar. Hinzu kommt, dass vielen ein positives Feedback fehlt.

An welchen Stellschrauben können wiederum die Arbeitnehmer drehen?

Sinnvoll wäre, sich genau den eigenen Arbeitsrhythmus anzuschauen. Es hilft, sich ganz bewusst zeitliche Freiräume in der Woche und am Wochenende zu schaffen, an denen man sich entspannende Tätigkeiten vornimmt, zum Beispiel Sport treibt, körperlichen Stress abbaut und vor allem ganz bewusst nicht in seine beruflichen Mails schaut. Und natürlich sollte man viel Zeit mit Freunden und Familie verbringen.