Dr. Mazda Adli, Psychiater und Psychotherapeut an der Charité in Berlin, spricht über die Zunahme von Stressoren und wie sie Menschen beeinflussen.

Burnout ist in aller Munde. Herr Dr. Adli, gibt es eine vermehrte Aufmerksamkeit für ein schon länger bestehendes Problem oder nimmt die Zahl von erschöpften Menschen tatsächlich zu?

Beides trifft in gewisser Weise zu. Es gibt vermehrte Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen und es gibt eine vermehrte Bereitschaft, sich mit psychischen Problemen beispielsweise an den Arzt zu wenden. Auch Ärzte, insbesondere die Hausärzte, zeigen heute mehr Bereitschaft, psychisch relevante Symptome zu erkennen und als solche zu codieren.

Vieles, was früher unter unspezifische körperliche Befindlichkeitsstörungen fiel – wie Kopf- oder Rückenschmerzen, wird heute richtigerweise als psychiatrische Erkrankung erkannt.

Auf der anderen Seite hat in den letzten 30 Jahren ein bedeutender gesellschaftlicher Veränderungsprozess stattgefunden, der insbesondere unsere Arbeitswelt, aber auch unser Privatleben erheblich beeinflusst hat.

Worin lauern Gefahren für erhöhten gesundheitsgefährdenden Stress?

Viele unserer Lebensbereiche haben sich geändert. Die ständige Erreichbarkeit durch E-Mails oder Handy führt zu einer Verschmelzung von Berufs- und Privatleben. Die Zunahme von Arbeit, das erhöhte Tempo, die Verdichtung von Prozessen hat zu einer erheblichen Veränderung von Stressoren beigetragen, denen man in der heutigen Arbeitswelt ausgesetzt ist.

25 Jahre nach Einführung der elektronischen Möglichkeiten spüren wir jetzt auch gesundheitliche Folgen. Diese Veränderung der Stressoren führt zu einer Veränderung der Belastung und möglicherweise auch zu einer Zunahme von arbeitsbedingten Erkrankungen.

Ist Burnout eine eigene Erkrankung?

Wir diskutieren dies vor dem Hintergrund, dass es für Burnout keine klare Krankheitsdefinition gibt. Unter den Begriff fallen insbesondere depressive Erkrankungen, zu einem kleineren Teil auch Angsterkrankungen und Belastungsstörungen anderer Art.

Burnout beschreibt einen  Entstehungsprozess. Es ist der Versuch einer Ursachendefinition und als solchen müssen wir ihn auch begreifen. Man kann zu Recht darüber diskutieren, ob Burnout zu einem Subtyp der Depression führt, der in sich bestimmte Charakteristika aufweist.

Was äußern sich für Symptome?

Es sind häufig depressive Symptome, bei denen die Erschöpfung in vielen Varianten im Vordergrund steht: Erschöpfung auf emotionaler Ebene, Erschöpfung auf körperlicher und kognitiver Ebene und auch auf sozialer Ebene.

Wer ist besonders gefährdet?

Es gibt Persönlichkeitstypen, die ein besonderes Risiko haben, Menschen beispielsweise mit einem hohen Maß an Perfektionismus, aber auch an Kontroll- oder Beliebtheitsstreben. Letztlich sind das aber auch Eigenschaften, mit denen wir erfolgreich arbeiten können und auf die wir nicht gern verzichten. Aber sie können zu Stressfallen werden, wenn der Stress einen kritischen Pegel erreicht.

Wie lässt sich dagegensteuern?

Es ist wichtig, solche Persönlichkeitsmerkmale bei sich zu identifizieren und gezielt innere Ventile anzulegen, die man dann aktivieren kann, wenn der Stress einen solch kritischen Pegel übersteigt. Perfektionisten sollten zum Beispiel erkennen, wann es gut genug ist, sich bewusst machen, dass auch eine gute Leistung in vielen Bereichen ausreicht und sich in Gelassenheit üben. Wer seine stressfördernden Eigenschaften kennt, sollte versuchen, komplementäre Tugenden zu aktivieren, um so den Stress zu entschärfen.