Stress im Job belastet langfristig nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Die Heiligenfeld Kliniken in Bad Kissingen sind spezialisiert auf die Behandlung von Depression und Burnout. In speziellen Therapiegruppen erhalten von Burnout Betroffene Aufklärung und umfassende Informationen zu ihrem Leiden. Zum anderen sollen sie lernen, die Selbstwahrnehmung durch gezielte Übungen wieder herzustellen oder zu verbessern.

Albert Pietzko betreut die Therapiegruppe „Führungskräfte-Coaching“ in der Parkklinik Heiligenfeld. Der Psychotherapeut im Gespräch über Burnout-Erscheinungen und Lösungsansätze.

Der Stress am Arbeitsplatz nimmt zu. Viele fühlen sich regelrecht ausgeliefert. Ist das alles nur eine Frage der äußeren Umstände?

Ein wichtiger Gedanke ist, dass man bei diesem Thema eine Differenzierung vornehmen muss. Sind es tatsächlich die Arbeitsbedingungen, die in dem Unternehmen herrschen, oder sind es auch eigene Anteile? Es gibt zur Zeit eine Neigung, die Folgen wie Burnout weiter stark auf die äußeren Gegebenheiten zu fokussieren. Das halte ich für zu einseitig. Natürlich gibt es Bedingungen, die schwierig sind.

Die Dynamik des Unternehmens und die Beschleunigung in der Arbeitswelt sind Faktoren, die von außen kommen. Die Frage ist aber, wie jeder Einzelne sie für sich beantwortet. Wenn Unternehmen hier schon etwas tun wollen, dann sollten sie beispielsweise die Selbstmanagementkompetenz ihrer Beschäftigten verbessern. Es gibt Menschen, die neigen dazu, alles perfekt zu machen. Dabei würden 60 Prozent Perfektion schon reichen.

Wie lässt sich denn erkennen, welcher Grad an Perfektionismus reicht?

Das ist letztlich die Aufgabe des Führungspersonals. Da kann der Chef darauf hinweisen, dass es nicht nötig ist, alle Aufgaben bis in die letzte Tiefe zu bearbeiten.

Mehr Kommunikation ist also nötig?

Ja. Gute Kommunikation gibt dem Mitarbeiter die nötige Handlungssicherheit. Und damit sind wir auch schon bei den Lösungsansätzen. Das Gespräch des Vorgesetzten mit seinem Mitarbeiter über sein Arbeitsfeld und die Themen wie Priorisierung, Perfektionsgrad und Organisation sind ganz wesentlich.

Welche Rolle spielt dabei die Unternehmenskultur?

Die Unternehmenskultur sollte den Mitarbeitern nachvollziehbare Orientierung geben. Ich kenne Unternehmen, die haben zum Beispiel Regelungen eingeführt, dass Mitarbeiter am Wochenende nicht telefonisch erreichbar sein müssen. Solche Vorgaben sind wichtig. Ohne sie würde sich jemand, der sich entschließt, am Wochenende nicht erreichbar zu sein, wie jemand fühlen, der eine ungeschriebene Regel durchbricht.

Ist die Mitarbeitergesundheit eine Führungsaufgabe?

Ja, so sehe ich das. Es gehört heute für eine Führungskraft dazu, die Gesundheit der Mitarbeiter zu erhalten. Also nicht nur die Arbeitsleistung im Auge zu haben, sondern zu sehen, unter welchen Verhältnissen sie erfüllt wird. Maßgeblich für die seelische Gesundheit der Mitarbeiter sind dabei ein gutes Betriebsklima, kooperative Kommunikationsstrukturen und eine gute Unternehmenskultur.

Und wo kann der Mensch bei sich ansetzen, wenn Seele und Körper überfordert sind?

Gerade beim Burnout ist ein ganz wichtiges Thema die Selbstführung. Selbstführung heißt, wie organisiere ich mein Leben bezüglich Arbeit, Familie, Geld und sozialen Kontakten. Und wie steht alles zueinander im Verhältnis. Und dann kommen wir auch ganz schnell auf die Ebene der Werte.  Die Rückbesinnung auf eigene Werte ist ein Ansatzpunkt gegen die wachsende Überlastung. Welche persönlichen Werte lebe ich in meinem Leben? Diese Frage ist oft Inhalt der Therapie von Führungskräften, die an Burnout erkrankt sind. Es ist eine Lebenshaltungsfrage.