Bis vor zwei Jahrzehnten mussten die meisten arbeitenden Menschen schwere körperliche Belastungen auf sich nehmen, die zu weit verbreiteten Berufskrankheiten führten. Arbeitsschutzgesetze sind eine hart erkämpfte Errungenschaft unserer Industriegesellschaft, die zu einer substantiellen Abnahme der Berufskrankheiten führte.

In der heutigen effizienzorientierten Arbeitswelt stellen nunmehr psychosoziale Risikofaktoren die wichtigste gesundheitliche Herausforderung dar und werden unter dem Schlagwort „Burnout“ breit diskutiert.

Aus fachärztlicher Perspektive begrüßen wir diese Diskussion, da sie für Zusammenhänge von Lebensführung und Gesundheit weiter sensibilisiert. Jüngst hat das Robert Koch-Institut im nationalen Gesundheitssurvey festgestellt, dass Menschen, die häufig Stress erleben, deutlich mehr über psychische Beschwerden wie depressive Symptome, gestörten Schlaf oder Erschöpfung berichten. In der Gruppe der 40- bis 60-Jährigen litten zwischen fünf und acht Prozent im Laufe ihres Lebens an einem Burnout-Zustand.

Interessanterweise sind die Betroffenen im Gegensatz zu der verbreiteten psychischen Störung Depression vor allem Menschen mit hohem Sozialstatus.

Burnout keine Krankheit

Knapp die Hälfte der Befragten mit Burnout in den vorangegangenen zwölf Monaten befand sich in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung. Dabei ist Burnout für sich genommen keine Krankheit und die Prävention und Versorgung sollte folglich nicht an das Gesundheitssystem delegiert werden.

Zwar muss Burnout als Risikozustand für die psychische und physische Gesundheit verstanden und ernst genommen werden, es handelt sich dennoch primär um ein Problem der Arbeitswelt und die Beratung und Unterstützung der Betroffenen sollte entsprechend dort koordiniert werden. Dies kann die Diagnostik bei einem Facharzt einschließen.

Gemeinsames Handeln notwendig

Es wäre jedoch kurzsichtig, einen stressbelasteten Arbeitnehmer in der Arztpraxis dahingehend zu „behandeln“, widrige Arbeitsbedingungen eine weitere Zeit zu ertragen, denn die Ursache bliebe ungelöst. Den Betriebsärzten mit ihrer Kenntnis der Arbeitsstrukturen und dem medizinischen Wissen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Präventiv gegen physische und psychische Gefahren tätig zu werden ist gemeinsame Aufgabe der Arbeitgeber, Arbeitnehmer sowie des Gesetzgebers.

Im Zuge der Schwerpunktsetzung des Bundesarbeitsministeriums auf psychische Belastungen beim Arbeitsschutz werden wichtige Missstände wie die ständige Erreichbarkeit über E-Mail und Handy thematisiert. Gesundheitsschädigende Einflüsse am Arbeitsplatz durch psychische Belastungen sind gesetzlich ebenso verbindlich zu regulieren und zu kontrollieren wie solche durch Lärm oder Toxine.

Gleichzeitig ist auch der Arbeitnehmer in der Verantwortung. In mancher Erwerbsbiografie lassen sich hohe Ansprüche an sich selbst beobachten und eine regelrechte Selbstausbeutung auf dem Weg zum beruflichen und sozialen Aufstieg. Arbeit stiftet Sinn, hat eine stabilisierende Funktion und bietet Entfaltungspotential. Dafür ist der Arbeitsalltag jedoch so zu gestalten, dass die Anforderungen grundsätzlich bewältigbar bleiben und Erholung in arbeitsfreier Zeit möglich ist.