Wer wendet sich an Sie?

Es melden sich Menschen aller Altersklassen und aller Gesellschaftsschichten – "vom Handwerker bis zum Manager"- in der Regel Männer. Sie alle eint, dass sie sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, aber lernen wollen, mit ihrer sexuellen Präferenz umzugehen, einer Neigung, die sie sich nicht ausgesucht haben. Sie wissen, dass sie sie nicht ausleben können und dass sie Hilfe brauchen.

Bitte definieren Sie das Wort „Pädophilie“ genauer.

Pädophilie ist die ausschließliche oder überwiegende sexuelle Ansprechbarkeit durch vorpubertäre Kinderkörper. Eine sexuelle Präferenz sucht sich niemand aus. Sie ist Schicksal und nicht Wahl.

Sind Menschen, die Kinder sexuell missbrauchen oder sich Missbrauchsabbildungen anschauen, zwangsläufig pädophil?

Nein. Generell kann man sowohl beim sexuellen Kindesmissbrauch als auch beim Konsum von Missbrauchsabbildungen nicht automatisch davon ausgehen, dass die Täter pädophil sind. Häufig handelt es sich auch um sogenannte "Ersatzhandlungstäter" - das heißt, die Täter sind eigentlich sexuell auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet, begehen aber Kindesmissbrauch, beispielsweise aufgrund einer Persönlichkeitsstörung. Bei weitem nicht jeder sexuelle Übergriff an Kindern wird von Pädophilen begangen.

Heißt das im Umkehrschluss, dass Pädophile auch nicht automatisch sexuelle Übergriffe gegen Kinder begehen?

Genau. Die Menschen, die zu uns kommen, wollen ja gerade verhindern, dass ihre Fantasien zu Taten werden. Sie sind problembewusst und suchen eigenmotiviert Hilfe.

Bitte erzählen Sie uns mehr zum Netzwerk.

Das Projekt startete vor zehn Jahren unter dem Namen "Präventionsprojekt Dunkelfeld" an der Berliner Charité. Es wurde gegründet, weil sich immer wieder Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlten und außerhalb vergeblich Hilfe gesucht hatten, an das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin gewendet hatten. 2009 und 2010 kamen mit Kiel und Regensburg weitere Standorte des Projektes hinzu. 2011 wurde das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" gegründet.

An mittlerweile elf Standorten, die nach den gleichen Qualitätsstandards arbeiten, erhalten Betroffene therapeutische Hilfe unter Schweigepflicht. Entscheidend ist, dass sie sich eigenmotiviert und ohne Auflagen durch die Justiz melden. Bis Ende Oktober 2015 meldeten sich mehr als 5.800 Menschen aus ganz Deutschland an einem der Standorte. Mehr als 1.900 reisten zur Diagnostik an, um zu klären, ob tatsächlich eine pädophile Neigung vorliegt. Bis Anfang Oktober hatten insgesamt 477 Menschen eine Therapie begonnen.

Anonymität und Vertraulichkeit sind die Schlüssel dafür, dass sich die Menschen an unser Netzwerk wenden. Denn die Angst vor sozialer Stigmatisierung ist groß.

Nicht ohne Grund: In einer aktuellen Studie der TU Dresden wurden Passanten nach ihrer Haltung zu einem Menschen befragt, der Kinder als begehrenswert empfindet, aber noch nie ein Kind missbraucht hat. Die Antworten waren schockierend: Nicht einmal zehn Prozent bejahten, dass sie einen solchen Menschen in ihrem privaten Umfeld akzeptieren würden. Fast 40 Prozent der Befragten würden ihn lieber im Gefängnis und immerhin gut zehn Prozent am liebsten tot sehen, obwohl er noch nie ein Kind missbraucht und traumatisiert hat!

Wie wird die Therapie im Präventionsnetzwerk finanziert?

Die Arbeit am Berliner Standort sowie die Koordination und Öffentlichkeitsarbeit des Präventionsnetzwerks werden bis Ende 2016 vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz finanziell gefördert. Eine weitere Förderung darüber hinaus durch das BMJV ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Wie es danach weitergeht, ist aktuell noch nicht klar. Die anderen Standorte werden von den jeweiligen Bundesländern finanziell gefördert. Auch hier muss die Förderung in der Regel nach ein bis drei Jahren Laufzeit beantragt und verlängert werden.

Wie gehen die Menschen, die zu Ihnen kommen, mit ihrer Sexualität um?

Die meisten Menschen, die zu uns kommen, haben große Schwierigkeiten, mit ihrer sexuellen Präferenz zu leben. Sie wissen, dass die Gesellschaft sie dafür verachtet und für Kindesmissbraucher hält. Zudem hören wir immer wieder, dass niedergelassene Therapeuten Hilfe suchende Betroffene mit der Aussage abgewiesen haben: „So etwas wie Sie kann und will ich nicht behandeln.“

Vorliegende Untersuchungen bestätigen, dass ein Großteil der ambulant arbeitenden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Deutschland nicht bereit sind, mit pädophilen Patienten zu arbeiten. Bei uns werden die Menschen nicht für ihre sexuelle Neigung verurteilt, was sehr hilfreich für die Betroffenen ist. Dies steht auch nicht im Widerspruch dazu, dass wir bezüglich möglicher sexueller Verhaltensstörungen, wie sexuellem Kindesmissbrauch und der Nutzung von Missbrauchsabbildungen eine unmissverständliche Ablehnung vermitteln.

Wie kann man sich eine Therapie vorstellen?

Die Therapie dauert je nach individueller Entwicklung ein bis zwei Jahre. Zunächst einmal geht es darum, die sexuelle Präferenz ins Selbstbild zu integrieren – etwa so wie ein Süchtiger annehmen muss, dass er süchtig ist. Die Teilnehmer lernen, ihre persönlichen Risikofaktoren zu erkennen und an ihnen zu arbeiten.

Dabei werden verhaltenstherapeutische Maßnahmen ebenso eingesetzt wie sexualmedizinische, psychotherapeutische und medikamentöse Möglichkeiten. Am Ende der Therapie besteht an einigen Standorten die Möglichkeit, an der Nachsorgegruppe teilzunehmen, eine Option, die viele Teilnehmer nutzten.

Ist Pädophilie heilbar?

Nein, die sexuelle Präferenz lässt sich nicht wegtherapieren oder auflösen -  aber sie ist wirksam behandelbar. Wir unterstützen unsere Teilnehmer dabei, ihre sexuellen Fantasien auf Kinder nicht in die Tat umzusetzen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft die Vielfalt menschlicher Sexualität akzeptiert und Menschen nicht dafür ausgrenzt, dass sie anders sind. Wir sollten Menschen nicht nach ihrer sexuellen Orientierung oder Präferenz beurteilen, sondern ausschließlich an ihrem Verhalten messen.

Das beinhaltet, dass wir uns unmissverständlich gegen jegliche Form sexueller Gewalt positionieren! Abgesehen davon brauchen wir dringend weitaus mehr wohnortnahe anonyme Therapieangebote für hilfesuchende pädophile (und nicht-pädophile) Menschen, die lernen wollen mit ihrer Sexualität zu leben und verhindern wollen Taten zu begehen. Der Bedarf ist eindeutig da.

Auch an vielen unserer Standorte gibt es Wartelisten. Ich wünsche mir einen Ausbau des Opferschutzes und dass Aufklärung und Prävention an Schulen zur Pflicht wird, sprich fester Bestandteil des Lehrplans. Wir müssen im Sinne des Kinderschutzes weiterhin aufklären und ein gesamtgesellschaftliches Zeichen setzen, dass wir sexuellen Kindesmissbrauch nicht dulden.

Je klarer wir das tun und je enger die in diesem Feld engagierten Institutionen und Organisationen zusammenarbeiten, umso größer sind die Chancen, dass es gar nicht erst zu Missbrauchsfällen und damit zu Traumatisierungen kommt.