Im Interview mit Professor Dr. Jörg Wissel, Facharzt für Neurologie.

Professor Wissel, was kann man sich unter post-stroke Spastik vorstellen? 

Das ist die Schlaganfall-bedingte Spastik. Der Schlaganfall ist eine Erkrankung, die entweder durch eine Minderdurchblutung oder durch eine Blutung im Gehirn einen Schaden entstehen lassen kann. Und dieser Schaden kann, wenn er an bestimmten Stellen auftritt, zu einer Störung im Bereich der sensomotorischen Systeme, also der Motorik- und Gefühlssteuerung führen. 

Leider kann eine starke Spastik derzeit noch nicht geheilt werden, jedoch gibt es eine Vielzahl von symptomatischen Behandlungsmöglichkeiten, die das Leben mit Spastik erleichtern.

Was genau ist eine Spastik?

Eine Spastik wiederum wird durch eine Schädigung oder Verletzung des Teils des zentralen Nervensystems verursacht, der die willkürlichen Bewegungen des Körpers steuert. Diese Schädigung unterbricht wichtige Signale zwischen dem Nervensystem und den Muskeln und führt zu einer Veränderung des Signalgleichgewichts, die wiederum eine vermehrte Aktivität der Muskeln, auch Spasmen genannt, zur Folge hat.

Wie häufig tritt Schlaganfallbedingte Spastik auf?

Bei 30 bis 40 Prozent der Schlaganfallpatienten tritt dies auf, pro Jahr gibt es rund 5.000 Neuerkrankungen. Bei einigen Patienten schon sehr früh, in der ersten oder zweiten Woche nach dem Schlaganfall, also noch während der Behandlung auf der Schlaganfallstation.

Bei anderen Patienten entwickelt  sich die Spastik innerhalb der ersten drei Monate nach dem Schlaganfall. Eine Spastik wird dann zu einer zusätzlichen Behinderung, begleitet von Ödemen, Fehlhaltungen, Verdrehungen und starken Schmerzen.

Bitte stellen Sie uns die wichtigsten vor.

Gern. Die Grundlage jeder Therapie ist die Rehabilitationsbehandlung: Sie findet in der Regel ambulant, in einem Krankenhaus oder zu Hause statt. Sie kann aus einer  Kombination aus Physio-, Ergo- und Sprachtherapie bestehen. Zudem gibt es lokale und systemische/orale Medikation.

Es gibt eine Vielzahl von oralen Medikamenten, die aber nur selten lokal gut gegen die Spastik helfen. Die fokale Behandlung kann lokal deutlich bessere Effekte entfalten und hat weniger Nebenwirkungen im gesamten Organismus wie Müdigkeit und allgemeine Schwäche. 

Die lokale Therapie ist also bei Spastik nach Schlaganfall hilfreicher als Tabletten?

Das stimmt. Die Therapie mit Botulinumneurotoxin ist eine lokale Behandlungsmaßnahme. Botulinumneurotoxin, übrigens das stärkste natürliche Gift, wird in minimalsten Dosierungen in die verkrampfte Muskulatur gespritzt. So kann man die Verkrampfung reduzieren und störende Symptome wie Fehlhaltung und Schmerzen behandeln.

Dadurch kann der Patient zum Beispiel seine physiotherapeutischen Übungen besser durchführen, eine erleichterte Pflege und Hygiene der betroffenen Extremität wird ermöglicht.

Für wen ist sie geeignet?

Sie eignet sich besonders gut für Patienten, bei denen die Spastizität im Bereich der Hand, Unterarm/Ellenbogen oder in den unteren Extremitäten, also im Sprunggelenk, in den Zehen und im Knie, auftritt. 

Wie wird es angewendet?

Es wird in die Muskulatur gespritzt, die von der  Spastik betroffen ist. Botulinumneurotoxin hat die positive Eigenschaft, dass es in dem Muskel bleibt und sich nicht im Körper verteilt. Mit der Botulinumneurotoxin-Therapie wurden bisher sehr gute Erfolge erzielt. Individuell abhängig hält die Wirkung für etwa zwei bis vier Monate an, danach muss neu injiziert werden.

Könnte in der Therapie mit Botulinumneurotox, in die Zukunft der Spastik-Behandlung liegen?

Ich denke, da hat die Zukunft zum Glück schon begonnen!