Sie hatten 2011 einen Schlaganfall. Können Sie schildern,
was in dem Moment ablief?

Ich war als Einzelhandelskauffrau bei einer großen Supermarktkette tätig. Es war kurz vor Weihnachten. Ich bemerkte beim Bedienen, dass mir schwindlig wurde. Ich konnte zwar noch mit der Kundin reden, wusste aber nicht, was. Ich rutschte rechts zur Seite, zitterte, bekam rasende Kopfschmerzen und brach auf den Fliesen zusammen. Kollegen glaubten an ein Problem mit dem Kreislauf. Ich wurde nach Hause geschickt, um mich auszukurieren. Dort schleppte ich mich nach oben in die Wohnung, und erst meine Tochter reagierte richtig und drängte, mich in die Notfallklinik zu bringen. Dort bin ich dann endgültig zusammengesackt. Auf der Intensivstation löste man die Thrombose auf.

Wie ging es dann weiter?

Es war Weihnachten. Ich bekam keine Anschlussreha und wurde nach Hause entlassen zu meinen zwei Kindern, die ich allein großzog. Das Leben wurde danach nicht gerade leichter. Ich konnte nicht mehr arbeiten, pendelte wegen Bezügen zwischen Arbeits- und Sozialamt hin und her. Ich war sogar auf die Tafel angewiesen. Erst im März 2012 startete dann meine Reha.

Können Sie uns schildern, wie Sie die Rehabilitation erlebt haben?

Ich bin dort im Grunde mit der Realität konfrontiert worden. Bei der Arbeitserprobung simulierte ich meine frühere Tätigkeit. Mir fiel alles aus der Hand. Ein Regal über Kopf einzuräumen, war mir überhaupt nicht mehr möglich. Ich lag irgendwann keuchend auf dem Boden wie nach einem Marathon. Außerdem brauchte ich psychologische Betreuung. Ich heulte über Monate lang wegen jedes kleinen Misserfolgs. Parallel habe ich einfachste Dinge gelernt, wie Treppenlaufen und wieder meine rechte Hand zu benutzen. Motorrad oder Fahrrad fahren kann ich nicht mehr.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich habe auch danach viele Jahre gebraucht, um mein Leben umzustellen und zu realisieren, dass ich für das meiste keine Energie habe. Ich wollte das lange Zeit einfach nicht wahrhaben. Zwischenzeitlich war ich in ein Ehrenamt eingestiegen, als Trainerin für Kinder im Eisschnelllauf. Auch dort habe ich maßlos übertrieben, denn ich fühlte mich gebraucht. Das hatte jedoch weitere Kurzzeitschlaganfälle zur Folge. Diese transitorischen ischämischen Attacken hatte ich zweimal wegen Überbelastung, eine weitere während einer Operation.

Sie sind für eine Schlaganfallpatientin vergleichsweise jung
– haben die Ärzte Ihnen sagen können, was bei Ihnen der Grund war?

Ich hatte immer Sport gemacht, nie geraucht oder getrunken. Es war zum einen sicher die Überbelastung. Ich hatte zu wenig Pausen in meinem Leben. Als ich nach dem ersten Schlaganfall zu meiner Hausärztin kam, sagte sie: „Warum wundert mich das nicht?“ Ich habe mein Leben lang wie ein Workaholic gearbeitet. Oft hatte ich Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Dazu kamen zwei Kinder. Außerdem habe ich schon seit meiner Kindheit ein kleines Loch im Herzen, was sicherlich dem Ganzen auch nicht dienlich war.

Was würden Sie anderen raten, die in eine ähnliche Situation kommen?

Wichtig ist, sich über die Krankheit kundig zu machen, um die eigenen Symptome zu verstehen, und sich entweder mit gutmeinenden Ärzten oder anderen Betroffenen auszutauschen. Die private Umgebung versteht dein Problem nur, wenn du im Rollstuhl sitzt. Dann tust du allen leid. Ansonsten hört man gern Sätze wie „Stell dich nicht so an“.

Wer hat Ihnen in dieser Zeit geholfen?

Meine Eltern und eine Freundin waren für mich da. Mein Sohn fing mich in dieser Zeit auf, obwohl er dafür viel zu jung war. Allerdings haben sich auch viele Freunde verabschiedet. Freizeitaktivitäten sind inzwischen für mich zu anstrengend. Selbst der Gang zum Supermarkt hat für mich zu viele Reize. Ein kleiner Wendepunkt waren Treffen mit anderen Betroffenen bei der Stiftung Schlaganfall. Dort habe ich gelernt, dass auch andere eher jüngere Menschen betroffen sind. Ein Mann, der schon mit 18 im Rollstuhl saß und den es noch schlimmer getroffen hatte, tröstete mich mit den Worten, dass das Leben dennoch lebenswert sei. Seine Worte haben mir Kraft gegeben, mehr aus meinen Möglichkeiten zu machen.

Wie leben Sie momentan?

Ich bin nun endgültig verrentet. Obwohl ich wegen der vielen Medikamente eigentlich nicht mehr schwanger werden sollte, bin ich überraschenderweise noch mal Mutter geworden. Es ist bereits für einen Kitaplatz gesorgt. Die Erzieherinnen sind gut über meine Situation informiert. Ich habe meinen Nachlass geregelt. Es ist schrecklich, im Krankenhaus zu liegen und zu wissen, die Kinder können ins Heim kommen. Ich konzentriere mich nun komplett auf sie. Und ich habe mir einen kleinen Garten zugelegt. Dort schließe ich die Tür hinter mir und versuche runterzukommen.

Information

Bei Fragen zum Thema Akutbehandlung und Rehabilitation beim Schlaganfall finden Sie hier
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