Herr Prof. Nabavi, warum ist jeder Schlaganfall ein Notfall?

Grundsätzlich, weil eine Durchblutungsstörung im Gehirn sehr rasch zum Absterben von Gehirnzellen führen kann. Je länger dieser Zustand dauert, desto größer die Schädigung. Da wir zunächst nicht wissen können, welcher Art und wie groß die Störung ist, brauchen wir umgehend eine sichere Diagnose im Krankenhaus.

Bei jedem Schlaganfallverdacht sollte schnell der Notruf 112 gewählt werden.

Woran erkennt man einen Schlaganfall?

Die häufigsten Anzeichen sind eine halbseitige Schwäche und halbseitige Gefühlsstörung, die manchmal auf eine Körperregion – also Gesicht, Arm, Bein – begrenzt sein kann, ein Sehausfall, eine Sprach- oder Sprechstörung, plötzliche Doppelbilder und auch eine plötzliche Koordinationsstörung mit Schwindel und Fallneigung.

Es gibt aber auch eine Menge Sonderformen, die nur der Experte richtig erkennen kann: Schwerste Schlaganfälle präsentieren sich mit einer Bewusstseinstrübung bis hin zum Koma. Bestimmte Hirnblutungen äußern sich durch einen explosionsartigen, so noch nie da gewesenen Kopfschmerz.

Was kann man für den Patienten tun, während man auf den Rettungswagen wartet?

Ein wacher, nur leicht betroffener Patient  sollte sich hinsetzen, alle anderen sollten sich auf die Seite legen. Man sollte den Betroffenen beruhigen und auf keinen Fall Getränke oder Medikamente reichen, weil der Schlaganfall zu gefährlichen Schluckstörungen führen  kann. Medizinische Unterlagen und auch eine Medikamentenliste des Betroffenen sollten bereitgehalten werden, da dies für die Therapie enorm wichtig ist.

Was passiert nach Eintreffen des Rettungswagens?

Das Rettungspersonal nimmt die Erstversorgung vor, kümmert sich um Blutdruck, Kreislauf und Atmung und bringt den Patienten umgehend in die nächstgelegene, geeignete Klinik, was in den meisten Regionen Deutschlands eine zertifizierte Stroke-Unit ist. Darunter versteht man eine Spezialstation, die für die Behandlung von Schlaganfallpatienten entwickelt wurde.

Sowohl die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft als auch die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe haben sich in den letzten Jahren mit Erfolg dafür eingesetzt, dass die Anzahl an Stroke-Units in Deutschland auf mittlerweile 260 erhöht wurde und die Kapazitäten der bestehenden Einrichtungen erweitert wurden.

Wie sieht die Therapie auf einer solchen Stroke Unit aus?

Es werden hier eine Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet, die Hand in Hand laufen und auf den Einzelfall abgestimmt werden. Zunächst erfolgt die Unterscheidung zwischen einer Hirneinblutung und einem Hirninfarkt durch ein CT. Nach Prüfung von Ausschlusskriterien erfolgt bei einem Hirninfarkt die Thrombolyse, also die medikamentöse Auflösung des Gefäßverschlusses.

Das geht aber nur innerhalb der ersten Stunden nach Beschwerdebeginn. Leider kommen immer noch die meisten Patienten viel zu spät in die Klinik, so dass bundesweit nur knapp 10 % lysiert werden können. Wir sind zwar in den letzten 10 Jahren besser geworden, es reicht aber bei weitem noch nicht aus.

Wie begegnet man den Folgen des Schlaganfalls?

Ein weiteres Maßnahmenbündel zielt zunächst darauf ab, dass der Gehirnschaden nicht weiter zunimmt. Dazu wird der Patient engmaschig überwacht und an einen speziellen Monitor angeschlossen. Zusätzlich erfolgt  ein frühzeitiger Rehabilitationsbeginn, häufig schon am nächsten Tag.

Parallel dazu läuft mit Hochdruck das Untersuchungsprogramm an, um die Ursache nach Möglichkeit auszuschalten. Dabei muss darauf geachtet werden, dass der Betroffene dadurch nicht zu großen Stress erleidet, weshalb dies auf der Stroke Unit koordiniert werden muss.