Die ersten Wehen – es geht los. Doch statt Freudentränen und lachender Gesichter breitet sich eine bedrückende Stille im Kreißsaal aus. Etwas stimmt nicht, und von heute auf morgen ändert sich alles. Eine Geschichte, die zu Tränen rührt – aber auch Mut macht.

Die Monate der Schwangerschaft waren für Birgit Borell mit die schönsten in ihrem Leben. „Ich habe es so genossen“, erzählt sie. „Bis auf ein paar kleinere Wehwehchen war alles so unbeschwert, die Vorfreude auf Fabian riesengroß.“ Doch es kommt zu Komplikationen. „Ich bekam Wehen, der Muttermund ging aber nicht auf, die Ärzte mussten mir die Fruchtblase aufstechen.

Mein Frauenarzt hatte mir geraten, dass ich mich auch nicht vor der PDA scheuen soll – doch ich wollte es ohne schaffen, hatte mir das fest vorgenommen. Irgendwann konnte ich aber nicht mehr. Die Ärzte gaben mir dann die PDA. Ich dachte, alles sei in Ordnung, bis der Arzt mit der Saugglocke kam …

Als Fabian schließlich geboren wurde, waren seine Herztöne fast nicht mehr da. Er hat nicht geweint, nicht geschrien. Alles war ganz ruhig, beinahe unheimlich.“

Birgit Borell und ihr Mann hatten sich alles so schön ausgemalt. „Nach den Schmerzen der Geburt endlich den kleinen Wonneproppen in den Armen halten und zusammen im Familienbett kuscheln.“ Doch Fabian durfte nicht kuscheln. Sofort wurde er auf die Intensivstation gebracht, wo er mit Sauerstoff versorgt wurde.

„Die Ärzte gingen von einer Neugeboreneninfektion aus. Er musste mit Sauerstoff versorgt werden, Käbelchen kamen aus seiner kleinen Nase, er lag ganz allein in dem großen Kasten – ich habe den Anblick fast nicht ertragen.“ Doch sie ist sich sicher, dass die ganze Familie bald nach Hause darf und endlich die Zeit des Genießens beginnt. Sie freut sich auf die Momente, wenn Nachbarn und Freunde staunende und bewundernde Blicke in den Kinderwagen werfen werden.

Doch es kommt anders. Zwei Tage nach Fabians Geburt erhalten die Eltern die Diagnose: Hirnschlag. Der bis zur Geburt kerngesunde Fabian ist schwerbehindert.

„Für mich ist eine Welt zusammengebrochen, ich konnte nicht mehr klar denken, hatte Angst – um mein Kind, um mich, um uns, um die Zukunft.“ Fragen über Fragen vermischten sich mit Ängsten und Unsicherheiten. Wie geht es weiter? Wie sehr wird die Behinderung Fabian beeinträchtigen? Und wie sind seine Prognosen? Die Gefühle fahren Achterbahn, auch negative Emotionen tauchen auf: Schuldgefühle („Ohne die PDA hätte ich vielleicht früher pressen können.“), Wut („Warum muss ausgerechnet uns das passieren?“), Zweifel („Wäre das in einem anderen Krankenhaus nicht passiert?“).

So groß der Schock für Birgit Borell und ihren Mann auch war, sie haben gelernt, mit der neuen Situation umzugehen. Ein tiefer Blick in Fabians Babyaugen, zusammen auf der Couch kuscheln, die kleinen Hände, die sich zärtlich an die Brust schmiegen – es sind die kleinen Dinge, die Liebe schenken.

„Ein behindertes Kind ist eine große Aufgabe – keine Frage. Vieles war natürlich anders  als wir gedacht hatten. Doch so vieles hat uns auch mit Liebe erfüllt, was wir nie vermutet hätten. Das hat uns auch die Kraft gegeben, nicht aufzugeben und uns über alternative Therapiemethoden zu informieren.“

„Niemals aufgeben! Es gab Zeiten, da bin ich fast verzweifelt, doch ich habe immer an Fabian geglaubt .“

Birgit Borell erfährt von der Vojta-Therapie, eine physiotherapeutische Druckbehandlungsmethode bei Störungen des zentralen Nervensystems und des Haltungs- und Bewegungsapparats.

Dreimal täglich macht sie die erlernten Übungen mit Fabian. Sie erzählt: „Durch die Therapien konnte er sich mit acht Monaten drehen – ich dachte, ich muss ausflippen, habe gelacht und geweint gleichzeitig. Ich war so unendlich dankbar.“

Fabian beginnt, sich weiterzuentwickeln. Robben, sich im Kreis drehen. „Jeder Schritt hat lange gedauert, aber er hat alles nach und nach gelernt. Mit anderthalb Jahren konnte er sprechen, mit zwei Jahren konnte Fabian krabbeln und mit zweieinhalb Jahren ist er seine ersten Schritte gelaufen. Im Kindergarten entwickelte sich sein Wortschatz rasant weiter. Jetzt ist Fabian auf einer normalen Schule und ist gesundes Mittelmaß, schafft es, mit den anderen Kindern mitzuhalten.“

Wie all das möglich ist, können Ärzte sich nicht erklären, klassifizieren Fabian als „atypisch“ oder nennen ihn „kleines Weltwunder“.

Birgit Borell hat für das Leben ihres Sohnes gekämpft, niemals aufgegeben und immer an ihn geglaubt. Heute prognostizieren Experten ihm ein normales Leben. Wie Birgit Borell es geschafft hat, kann sie sich selbst nicht erklären. Doch sie sagt: „Niemals aufgeben! Es gab Zeiten, da bin ich fast verzweifelt, doch ich habe immer an Fabian geglaubt und ihm jeden Tag gesagt: Ich liebe dich und du bist toll und fantastisch, so wie du bist!“

Das Interview mit Birgit Borell

Bitte stellen Sie uns Fabian vor.

Fabian ist an Ostern sieben Jahre alt geworden. Er ist ein fröhliches, aufgewecktes Kind. Er redet unwahrscheinlich viel, läuft gut – was er eigentlich alles gar nicht könnte – und genießt seine Kindheit. Er hinterfragt die Welt, möchte alles verstehen und versucht, sich durch Reden aus Situationen rauszunehmen und seine Schwächen dadurch auszugleichen.

Er ist nicht das typische Kind, was mit Autos oder Legosteinen spielt. Er kopiert Lebenssituationen, also wenn er U-Bahn gefahren ist, baut er sich eine U-Bahn nach und spielt das Erlebte nach. Fabian ist sehr auf Erwachsene bezogen, kann sich stundenlang mit ihnen unterhalten und austauschen.

Im Bezug auf Kinder ist er eher zurückhaltend – leider. Da braucht er sehr lang, um Kontakt aufzunehmen und sich dann auch ins kindliche Spiel mitreißen zu lassen.

Drehen wir die Uhr zurück und kommen zur Schwangerschaft. Wie verlief diese?

Sehr gut. Ich war gern schwanger, habe das genossen. Alles war super – bis zur Geburt.

Bitte erzählen Sie uns davon.

Eine Woche vor dem geplanten Termin habe ich plötzlich Wehen bekommen, was ja auch nicht ungewöhnlich ist. Auf Rat meiner Hebamme bin ich dann ins Krankenhaus gefahren. Dort war der Muttermund aber noch so sehr zu, dass ich nur ein Schmerzmittel bekommen habe. Die Nacht habe ich im Krankenhaus verbracht, wollte aber am nächsten Morgen wieder nach Hause fahren, weil es mir so weit gut ging.

Als mein Mann mich abholen wollte, bekam ich erneut Wehen. Also musste ich bleiben, musste die ganze Zeit liegen und die Wehen verstärkten sich immer mehr.

Der Muttermund ging aber nicht weiter auf. Mein Frauenarzt hatte mir geraten, dass ich mich auch nicht vor der PDA scheuen soll – doch ich wollte es ohne schaffen, hatte mir das fest vorgenommen. Irgendwann konnte ich aber nicht mehr, habe nur noch gezittert, die Welt um mich herum kaum noch wahrgenommen. Ich war wie weggetreten.

Die Ärzte mussten mir dann die Fruchtblase aufstechen, weil es nicht von allein ging, und gaben mir die PDA. Danach hatte ich ein bisschen Ruhe. Doch die Geburt zog sich einfach zu lange hin, sodass sich die Ärzte für wehenfördernde Mittel entschieden haben, woraufhin sich die Presswehen einstellten. Ich dachte, alles sei in Ordnung, bis die Ärztin plötzlich unruhig wurde und einen weiteren Arzt hinzuzog. Der sagte dann, dass er mir helfen müsse. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden: „Wie, helfen? Ich bekomme doch nur ein Kind“, dachte ich. Plötzlich holte er eine Saugglocke hervor, doch das wollte ich nicht.

(Stille entsteht. Schluchzen, Tränen)

Er hat dann gegen meinen Willen diese Saugglocke benutzt. Die Herztöne von Fabian waren fast nicht mehr da, als er schließlich geboren wurde.

(Gesprächspause)

Ich weiß nicht, wie es ohne PDA gewesen wäre, ob ich vielleicht früher hätte pressen können und diese Saugglocke nicht hätte zum Einsatz kommen müssen. Ich mache mir bis heute Vorwürfe … Ob dieses Ding mit allem Folgenden etwas zu tun hat, weiß ich nicht, da man nicht sicher ist, warum ein Kind einen Schlaganfall bekommt.

Wie war die Situation, als Fabian dann da war?

Er war da, hat aber nicht geweint, nicht geschrien. Alles war ganz ruhig, beinahe unheimlich. Ich habe ihn dann ganz kurz auf den Bauch gelegt bekommen, doch das waren nur Sekunden, bevor sie ihn mir wieder weggenommen haben.

(Gesprächspause. Tränen)

Die Ärztin beruhigte mich dann aber und sagte, dass sie Fabian nur intensiv legen und ihm etwas Sauerstoff geben, weil er so schlecht geatmet hat. Es war so schlimm. Mein Kind war zwar da, wurde mir aber gleich wieder entrissen. Durch diese PDA durfte ich auch nicht aufstehen, durfte nicht zu meinem Kind. Ich wollte ihn doch nur in den Arm nehmen. Nach rund zehn Stunden durfte ich dann endlich, zusammen mit meinem Mann, auf die Intensivstation, wo er im Brutkasten lag, an lauter Kabel angeschlossen. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden.

„Der Arzt sprach davon, dass Fabian vor allem körperlich behindert sein wird. “

Wie wurde Ihnen die Situation erklärt?

Irgendwann kam dann ein Arzt, sprach von einer Neugeboreneninfektion, die gar nicht so ungewöhnlich ist. Er müsse jetzt nur noch schauen, um was für einen Virus es sich handelt, damit sie Fabian entsprechend behandeln können. Als ich dann einen Tag später meinen Sohn besuchte, ihn im Arm hielt, kam eine Schwester auf mich zu und sagte mir, dass der Arzt mit mir sprechen möchte. Ich ging davon aus, dass er mir nur mitteilen möchte, wann wir nach Hause gehen dürfen.

Ich bin dann mit Fabian auf dem Arm in sein Sprechzimmer gegangen. Der Arzt zeigte mir Bilder von Fabians Gehirn und sagte: „So sieht’s aus.“ Ich schaute mir die Bilder an und sah nichts. „Wie sieht es denn aus?“, fragte ich. „Das sehen Sie ja“, war seine Antwort. „Da ist doch alles weiß.“ Ich habe dann auch gesehen, dass eine Hälfte weiß war, die andere dunkel – erklären konnte ich es mir aber natürlich nicht.

Die Sozialkompetenz des Arztes lag bei null. Ich konnte mir dann schon zusammenreimen, dass mit dem Gehirn meines Kindes etwas nicht stimmt. Schließlich sagte er dann endlich, was Fabian hatte, dass Fabian einen Hirninfarkt hatte und dadurch sehr viel kaputtgegangen ist.

Welche Folgen wurden prognostiziert?

Der Arzt sprach davon, dass Fabian vor allem körperlich behindert sein wird, besonders die rechte Seite betroffen ist. Wie weit auch sein Geist betroffen sein wird, das konnte er nicht genau sagen. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen, ich bin zusammengebrochen, konnte nicht mehr klar denken, hatte Angst – um mein Kind, um mich, um die Zukunft.

(Tränen. Gesprächspause)

Wie ging es dann weiter?

Ich habe sehr viel Zeit mit Fabian verbracht, fühlte mich aber leer, konnte nicht schlafen, nicht essen, nicht denken. Einige Tage vergingen, bevor ich mich so weit gefasst hatte, dass ich die Kraft hatte, nach vorn zu schauen. Wollte dann auch erfahren, was ich für meinen Sohn tun kann, ob ich ihm irgendwie helfen kann.

Was bekamen Sie als Antwort auf Ihre Fragen?

Ich habe von der Vojta-Therapie erfahren. Das ist eine physiotherapeutische Behandlungsmethode bei Störungen des zentralen Nervensystems und des Haltungs- und Bewegungsapparats. In genau definierten Ausgangsstellungen übt man einen gezielten Druck auf bestimmte Körperzonen aus, dadurch wird ein Impuls zum Gehirn geleitet, beispielsweise Arme und Beine bewegen lernen, was durch die Behinderung von allein nicht möglich wäre.

Diese Therapie war für Fabian und mich die reinste Qual, denn während man diese Druckübungen ausführt, hat er geschrien wie am Spieß. Doch wir hatten keine andere Wahl, haben es fast ein Jahr mehrmals pro Tag gemacht. Bis der Punkt kam, wo Fabian und ich nicht mehr konnten.

Wir bekamen beide hohes Fieber, waren nervlich und körperlich am Ende. Schließlich haben mein Mann und ich uns entschlossen, von Vojta auf Bobath umzustellen, und schnell gemerkt, dass die Methode genauso gut ist, nur eben viel sanfter.

„Durch die Therapien konnte er sich mit acht Monaten drehen – ich dachte, ich muss ausflippen, habe gelacht und geweint gleichzeitig. “

Welche Fortschritte hat Fabian durch all diese Therapien machen können?

Anfangs konnte er sich sehr wenig bewegen. Durch die Therapien konnte er sich mit acht Monaten drehen – ich dachte, ich muss ausflippen, habe gelacht und geweint gleichzeitig. Ich war so dankbar, dass mein Kind beginnt, sich zu bewegen.

Wie ging Fabians Entwicklung weiter?

Jeder Schritt hat lange gedauert, aber er hat alles nach und nach gelernt. Robben, sich im Kreis drehen. Mit zwei Jahren konnte Fabian krabbeln und mit zweieinhalb Jahren ist er seine ersten Schritte gelaufen. Frühzeitig habe ich Fabian dann auch in den Kindergarten gebracht, weil mir wichtig war, dass er soziale Kontakte bekommt, die Chance bekommt, eine Kindheit zu haben.

Bereits mit anderthalb Jahren konnte Fabian sprechen, im Kindergarten entwickelte sich sein Wortschatz rasant weiter. Jetzt ist Fabian auf einer normalen Schule und ist gesundes Mittelmaß, schafft es, mit den anderen Kindern mitzuhalten. Er redet immer sehr viel, wahrscheinlich auch, weil er motorisch nicht immer mithalten kann, macht er es mit der Sprache wett.

Gegensätzlich zur Anfangsprognose hat sich Fabian zu einem normalen Kind, mit kleinen Schwächen, entwickelt. Wissen Sie, wie das möglich ist? Und was sagen die Ärzte dazu?

Die Ärzte können sich das nicht erklären, klassifizieren Fabian als „atypisch“. Wenn wir bei Untersuchungen sind, verstehen Ärzte nicht, wie das möglich ist. Einige haben ihn auch schon als „kleines Weltwunder“ betitelt. Der einzige Ansatz, wie das alles möglich war, sind die ganzen Therapien, die wir gemacht haben. Wir haben niemals aufgehört, gemeinsam mit Fabian zu kämpfen, und es zusammen geschafft, dass er heute die Möglichkeit hat, am normalen Leben teilzunehmen.

Was möchten Sie anderen Eltern raten, die Ihr oder ein ähnliches Schicksal teilen?

Niemals aufgeben! Informieren Sie sich über alternative Therapien, verlassen Sie sich nicht nur auf die Schulmedizin, und vergessen Sie niemals, Ihrem Kind täglich zu sagen: „Ich liebe dich und du bist toll und fantastisch, so wie du bist!“