Dieser hatte an der Rutsche nicht den nötigen Abstand eingehalten – und war außerdem mit den Knien voraus gerutscht.

Gefährlicher Stoß

Die Wucht des Stoßes ist so stark, dass Jesko Sterne vor Augen sieht. Er weint, springt schreiend aus dem Becken und rennt zu seiner Mutter: „Es tut so weh.“ Die will ihn erst beruhigen, nimmt ihn tröstend auf den Schoß, bis er sich schließlich schläfrig im Schatten des Rasens zusammenkauert. Auf der Rückfahrt wird Julia Dörmann unruhig, als sich ihr Sohn im Auto übergibt und sein Gesicht schweißüberströmt ist.

Der Arzt im Krankenhaus will Jesko nach ein paar Tests wieder nach Hause schicken –aber Julia Dörmann weigert sich. „So schneeweiß und mit Schweißperlen im Gesicht hatte ich ihn noch nie gesehen.“ Nachts um zwei rutscht Jesko vom Stationsbett, seine linke Gesichtshälfte hängt herunter, die linke Körperhälfte ist gelähmt und er kann nicht mehr sprechen. Der Arzt wischt noch immer alle Bedenken fort. Erst als ein anderer Mediziner eine CT durchführt, wird klar: Jesko hat einen Schlaganfall erlitten.

„Der Radiologe sagte: ,geben Sie der Mutter erst mal einen Stuhl‘, so Julia Dörmann. „Da wusste ich, dass das nicht mal eben so erledigt ist. Ich fühlte mich wie ein Roboter. Furchtbar. Es war unmöglich zu begreifen.“

Notoperation am Gehirn

Jesko wird in die Uniklinik überwiesen. In einer Notoperation wird bei ihm das Gerinnsel erfolgreich entfernt. Alle atmen auf. Doch kurze Zeit später verschlechtert sich sein Zustand wieder. Sein Hirndruck steigt plötzlich an, sein Bewusstsein trübt sich erneut. Die Ärzte entschließen sich zu einer Hemikraniektomie. Ihm wird ein großes Stück der Schädeldecke entfernt, um den Druck zu senken. Tagelang ist nicht klar, ob er überlebt. Als er dann doch aus dem Koma erwacht, die nächste Hiobsbotschaft: Er kann nicht mehr sprechen, nicht laufen und nicht schlucken. Seine linke Körperhälfte ist vollständig gelähmt.

In den folgenden sechs Monaten kämpft sich Jesko zurück ins Leben. Er muss während einer Reha in Bremen alles neu lernen. Unterbrochen wird diese Zeit nur, damit die Ärzte ihm wieder seine Schädeldecke implantieren können. „Zu Beginn konnte ich mich nur mit Handzeichen verständigen“, erzählt Jesko. „Einmal drücken hieß ja, zweimal nein. Als ich das erste Mal wieder ,ja‘ gesagt habe, fing meine Mutter an zu weinen. Meinen linken Arm nannte ich irgendwann Philipp Lahm, den rechten Zappelphilipp.“

Humor ist seine Waffe gegen den Schicksalsschlag. „Er trauert nicht, sondern macht weiter“, so Julia Dörmann. „Das hilft ihm heute, Anschluss zu finden.“ Wieder zu Hause geht er viermal in der Woche zur Ergo- oder Physiotherapie und wiederholt die vierte Klasse. Der frühere Linkshänder muss lernen, mit der rechten Hand zu schreiben.

Zurück im Leben

Heute ist Jesko in der sechsten Klasse und lernt wie andere erfolgreich an einer Gesamtschule. Er kann wieder Waveboard und Ski fahren und wurde von der Schlaganfall-Hilfe mit dem ersten Platz des Motivationspreises ausgezeichnet. „Ich kann den linken Arm bewegen, aber die Feinmotorik ist eingeschränkt. Wenn ich Sachen greifen möchte, klappt das noch nicht so gut. Und es stört, dass ich etwas humple“, sagt Jesko. Übungen im nahe liegenden Fitnesscenter und das Spielen eines Schlagzeugs zu Hause ersetzen nun die zeitraubende Physio- und Ergotherapie. Seine Mutter freut sich schon über kleine Dinge. Wenn er den Reißverschluss von selbst schließt, auch wenn er wohl sein Leben lang nie wird einen Schuh zubinden können. „Wenn ich sehe, wie er sich müht, Brote zu schmieren, frage ich mich, was bist du für eine Mutter“, so Julia Dörmann. „Das ist schwer auszuhalten. Gerade, wenn ich seinen Unmut sehe. Aber ich tue ihm keinen Gefallen, wenn ich ihm helfe. Er muss im Leben später selbstzurechtkommen.“

Inzwischen fängt auch die berufstätige Julia Dörmann wieder an, auf eigene Bedürfnisse zu achten. „In den vergangenen dreieinhalb Jahren hatte ich keine Zeit. Richtig verarbeitet habe ich das Ganze noch nicht.“

Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

  • Jährlich erleiden fast 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall.
  • Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache und der häufigste Grund für Behinderungen im Erwachsenenalter.
  • Die Stiftung engagiert sich von der Prävention und Gesundheitsförderung über das Notfall-Management und die Akutversorgung bis hin zu Rehabilitation und Nachsorge.
  • WUSSTEN SIE…?! Ein Schlaganfall kann jeden treffen, sogar ungeborene Kinder im Mutterleib.

Service- und Beratungszentrum der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Beratungszeiten: 09.00 Uhr bis 17.00 Uhr (freitags bis 14.00 Uhr)
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