Herr Leipold, bitte erinnern Sie sich für uns zurück.

Damals war ich in einem Trainingslager in Usbekistan, während ich mich auf einen Länderkampf vorbereitet habe. Beim Ausziehen meiner Jacke habe ich Gefühlsstörungen in der kompletten linken Seite bemerkt, diese aber ignoriert und den Wettkampf trotzdem durchgezogen.

Nach dem Kampf gingen die Störungen leider nicht weg, deshalb habe ich beschlossen, den nächsten Flug nach Hause zu nehmen, wo ich direkt zum Neurologen gegangen bin. Dieser diagnostizierte einen leichten Schlaganfall.

Wie haben Sie auf diese Diagnose reagiert?

Es war ein Schock für mich. In dem Alter und als Sportler rechnet man mit so etwas nicht. Zudem ging es mir noch relativ gut. Dennoch überwies der Neurologe mich in die Stroke Unit der Uniklinik Würzburg. Dort wurde ich von Kopf bis Fuß durchgecheckt, und als Auslöser wurde eine Virusinfektion, die nicht richtig auskuriert wurde, benannt.

Obwohl ich mich gut fühlte, wollten mich die Ärzte noch nicht nach Hause schicken, da noch einige Untersuchungen wie Langzeit-EKG durchgeführt werden sollten. Im Nachhinein war dies mein größtes Glück.

Inwiefern?

Wenn man auf der Stroke-Unit-Station liegt, wird man in der Nacht alle zwei Stunden geweckt, um die Pupillen und die Ansprechbarkeit zu kontrollieren. Während eines dieser Intervalle hatte ich eines Nachts zwei weitere Schlaganfälle – aus heiterem Himmel heraus, ohne Symptome, ohne vorherige Warnung meines Körpers.

Diese zwei Schläge wurden nur dank der Überwachung sofort erkannt und es konnte unmittelbar gehandelt werden. Wäre ich zu diesem Zeitpunkt bereits zu Hause gewesen, wäre ich heute vielleicht nicht mehr am Leben.

Welche Auswirkungen hatten die Folgeanfälle?

Ich war halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Alleine essen, anziehen, duschen – es war nichts mehr möglich. Ich war körperlich einem Kleinkind sehr ähnlich. Diese Hilflosigkeit war schrecklich, denn der Geist funktioniert weiter, nur eben Körper und Sprache nicht. Ein Beispiel: Ich wusste genau, was ich sagen wollte, habe die Wörter im Kopf formuliert, doch sie sind mir nicht über die Lippen gekommen.

Welche Therapie wurde vorgenommen?

Zuerst wurde mir hoch dosiert Kortison und Heparin gegeben. Innerhalb von einem Tag habe ich aufgrund des Kortisons sechs Kilo Wasser zugenommen. Die nächsten Tage habe ich wie im Wachkoma wahrgenommen – ich lag nur da, konnte mich nicht rühren und nicht artikulieren.

Wie sind Sie psychisch damit umgegangen?

Anfangs lebt und erlebt man alles wie durch einen Glaskasten, dann kommt die Zeit, in der das „Warum“ eine große Rolle spielt: Warum passiert mir so etwas? Ich lebe gesund, treibe viel Sport … Und dann kommt der Punkt, an dem man sich entscheiden muss.

Für was?

Ob man kämpft – für sein Leben, seine Familie, die Zukunft – oder eben nicht.

Der Titel Ihres Motivationsvortrages und Ihres Buches „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ spricht für sich.

Richtig. Ich habe mich für den Kampf entschieden. Es war der schwerste und härteste Kampf meines Lebens.

Welche Therapien haben Sie dabei unterstützt?

Bereits in der Uniklinik habe ich mir ein kleines Programm zusammengestellt – zehn Sekunden Po anspannen, zehn Sekunden Bauch anspannen, zehn Sekunden Laufversuche mit dem Infusionsständer. Später, im Medical Park in Bad Rodach begann dann vier Wochen das volle Programm: Logopädie, Ergotherapie, Gleichgewichtstraining, Radfahren, Bindegewebsmassage, Aquatraining, Tai Chi, Gedichte auswendig lernen – ich habe versucht, meinen Körper und meinen Geist rund um die Uhr zu fordern und zu fördern.

Und als Sie wieder zu Hause waren?

Habe ich mit meinem Physiotherapeuten Werner Kraß weitergemacht, beispielsweise mit einer Reittherapie. All das waren Dinge, die mich weitergebracht haben. Während der ganzen Therapie habe ich mir immer realistische Ziele gesetzt. Schritt für Schritt, egal wie klein die Schritte sind – das ist der Weg zum Ziel. Zumindest nach einem Schlaganfall.

Natürlich war es ein langer Weg und es gab einige Rückschläge. Doch nur wer auch wieder aufsteht, wenn er am Boden liegt, hat die Chance, seinem Leben die bestmögliche Lebensqualität nach einem Schlaganfall zurückzugeben.

Heute engagieren Sie sich stark für Betroffene, wie kam es zu der engen Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe?

Ich wurde angesprochen und gefragt, ob ich Botschafter werden möchte. Für mich war dies selbstverständlich und eine absolute Herzensangelegenheit. Über die Krankheit zu informieren, Warnsignale aufzuzeigen und deutlich zu machen, dass ein Schlaganfall immer ein Notfall ist, liegt mir sehr am Herzen.

Aber auch das Betreuen von Aktionen, das Akquirieren von Spendengeldern und der direkte Austausch mit Betroffenen wie beim Familiencamp bedeuten mir sehr viel. Besonders bewegen mich immer die Kinder, die einen Schlaganfall erlitten haben, und mit welcher Kraft sie sich zurück ins Leben kämpfen.