Von da an fast täglich das gleiche Szenario. Ohne ersichtlichen Grund sind sie plötzlich da, die Schmerzen. „Es fühlt sich an, als würden mir glühende Nadeln oder Messer durch das Auge gestoßen oder als würde ein Auge von innen herausgedrückt, bevor sich dieses Stechen in Richtung Stirn und Schläfen ausbreitet – als würden sich Pfeile langsam durch meinen Schädel bohren“, versuchte er mir die stechende Pein, die ihn an den Rand des Wahnsinns zu treiben schien, zu erklären. Tumor im Kopf, Tod – wie soll es weitergehen? Wir malten uns die schlimmsten Szenarien aus. Dabei war Karsten damals erst 38 Jahre alt, definitiv zu jung zum Sterben.

Schlimmste Körperqualen

Nach einem monatelangen Ärztemarathon, Diagnosen, die einen Tumor zwar ausschlossen, ansonsten jedoch komplett verfehlt waren, und wachsendem Schmerz endlich die Diagnose: Clusterkopfschmerzen. Diese übertreffen in ihrer Stärke Migräneanfälle und zählen zu den schlimmsten Körperqualen, die ein Mensch ertragen kann.

Nur so kann er die qualvollen Phasen ertragen.

Aus diesem Grund wird der Clusterkopfschmerz auch als Selbstmordschmerz betitelt. Die periodisch auftretenden Schübe können sich einige Wochen hinziehen, klingen dann ab, um irgendwann erneut zu beginnen. Die Qual nimmt kein Ende.

Karsten sucht der Schmerz jedes Jahr um die Zeitumstellung auf. Zwei bis sechs Wochen leidet er täglich unter den qualvollen Attacken, die bis zu 50 Minuten andauern und bis zu zehnmal pro Tag auftreten. Dann zieht er sich komplett in sich selbst zurück. Das ist seine Art, mit dem Schmerz umzugehen. Nur so kann er die qualvollen Phasen ertragen.

Der Schmerz kommt oft nachts

In einer Clusterphase treten die Schmerzen meist zu bestimmten Tageszeiten auf. Mitunter kündigt sich die Attacke vorher an, durch ein Taubheitsgefühl auf einer Gesichtshälfte. Meist jedoch überfällt der Schmerz Karsten regelrecht.

In ganz schlimmen Phasen haut er den Kopf gegen die Wand.

Er reißt ihn nachts aus dem Tiefschlaf oder bricht während der Autofahrt, beim Rasenmähen oder Abendessen über ihn herein. Dabei wütet der Schmerz nur auf einer Gesichtshälfte: hinter, über oder neben dem Auge.

Dann folgt die rasende Unruhe. Mein Mann zieht sich zwar zurück, kann jedoch nicht mehr still sitzen, läuft unruhig umher. In schlimmen Phasen reibt er dabei sein Gesicht. In ganz schlimmen Phasen haut er den Kopf gegen die Wand.

Keine Heilung in Sicht

Woher Clusterkopfschmerzen kommen und was sie auf lange Sicht mit den Patienten machen, ist bisher nicht erforscht. Eines ist aber leider sicher: Heilen lässt sich die Krankheit bislang nicht. Menschen, die an Clusterkopfschmerzen leiden, müssen herausfinden, was ihnen am besten dagegen hilft.

Meinem Mann hilft reiner Sauerstoff. Kündigt sich eine Attacke an, inhaliert er diesen und die Schmerzen werden erträglicher. Glücklicher macht ihn das nicht. Seine große Hoffnung: Heilung.