Über die Therapiegeschichte des Morbus Parkinson ließen sich ganze Bücher schreiben … 

Schnitzler: Ich könnte jedenfalls viele Stunden darüber sprechen.

… wir müssen uns leider etwas beschränken.

Schnitzler: Na gut: Die Behandlung von Parkinson zielt heute nach wie vor primär auf die symptomatische Kontrolle der motorischen Störungen. Die können wir aber in der Regel gut in den Griff kriegen. Im Vordergrund steht dabei die Substitution des im Gehirn von Parkinsonpatienten verminderten Dopamin.

Vesper: Kurz zum Verständnis: Dopamin wirkt mal erregend, mal hemmend auf die Bewegungsabläufe, die das Großhirn programmiert. Ohne dieses Fine-Tuning ist also immer mal zu viel, mal zu wenig Erregung da – und die bekannten Symptome entstehen.

Schnitzler: Neben der Therapie mit Medikamenten ist Physiotherapie eine sehr wichtige Therapiesäule: regelmäßige aktive Bewegung wirkt positiv auf die motorischen Koordinationszentren im Gehirn, übrigens auch positiv auf kognitive Fähigkeiten. Schließlich gibt es die Behandlung durch den Hirnschrittmacher.

… die „Tiefe Hirnstimulation“.

Schnitzler: Richtig. Hier implantieren wir Elektroden an strategischen Positionen im Gehirn, um die durch die Krankheit veränderten Netzwerke mit Strom-
impulsen direkt zu modulieren. So lassen sich die Symptome auch noch in späteren Stadien der Erkrankung sehr gut kompensieren.

Das Verfahren ist nicht neu.

Vesper: Überhaupt nicht. Die Technik ist im Grunde baugleich mit einem Herzschrittmacher, nur dass die Elektroden hier eben im Gehirn liegen und die genannten Dopamin-Defizite ausgleichen. Neu ist heute, um wie viel schneller und – für alle Beteiligten – komfortabler – die Operation geworden ist. Das kann man wirklich nicht genug betonen.

Schnitzler: Die Patienten können in der Regel nachmittags schon wieder rumlaufen.

Wer kommt für die THS überhaupt nicht in Frage und warum?

Schnitzler: Zuerst wird zwischen „klassischem“ oder sogenannten „atypischem“ Parkinson differenziert – die „atypischen“ Syndrome profitieren nicht vom Schrittmacher. Das zweite Ausschlusskriterium ist gegeben, wenn die motorischen Symptome Akinese (Bewegungsarmut) und Rigor (Muskelsteifigkeit) überprüft wurden und prinzipiell nicht auf Medikamente ansprechen. Dann werden diese Symptome auch nicht durch THS gebessert. Anders ist es beim Tremor (Zittern): Auch der Tremor, der gar nicht auf Medikamente reagiert, bessert sich zu etwa 80 bis 90 Prozent auf den Schrittmacher. Unter dem Strich gehen wir derzeit noch davon aus, dass deutlich mehr Patienten in Frage kommen, als in die Zentren geschickt werden.

Beschränken die positiven Effekte sich denn auf die motorischen Fähigkeiten?

Schnitzler: Nein, und das ist mir ganz wichtig: Eine neue Studie zeigt, dass Patienten nicht nur motorisch profitieren, sondern auch im Verhalten. Parkinsonmedikamente können Nebenwirkungen hervorrufen, die sich in suchtartig verändertem Verhalten wie Esssucht, Kaufsucht oder nächtlicher Hyperaktivität äußern. Es ist ein weiterer wichtiger Vorteil der THS, dass sich diese Verhaltensstörungen gerade auch bei jüngeren Patienten bessern können.

Ist die Parkinson-Therapeutik also weiter als gemeinhin gedacht?

Schnitzler: Auf jeden Fall. Ein Parkinson-Patient gehört in die Hand von Spezialisten; das gilt für die medikamentöse Therapie, einschließlich der Behandlung mit Medikamentenpumpen, die relativ kompliziert ist, aber natürlich besonders für die Tiefe Hirnstimulation (THS), die technisch sehr anspruchsvoll ist und nur an entsprechend ausgerüsteten Standorten durchgeführt werden kann.

Vesper: Warum können wir heute in Vollnarkose operieren? Weil wir nach entsprechender technischer Vorbereitung wissen, dass es so gut wie immer funktioniert.