Bei Ihnen hat man im Juni 2018 einen Hirnschrittmacher implantiert. Können Sie etwas zur Vorgeschichte Ihrer Erkrankung erzählen und uns schildern, wie die Therapie der sogenannten Tiefen Hirnstimulation funktioniert?
 

Ich habe vor elf Jahren erfahren, dass ich an Parkinson erkrankt bin. Das war ein ziemlicher Schock. Zumal ich bis zu diesem Zeitpunkt sehr gesund lebte. Bei mir ist die linke Seite stärker betroffen und mein Hauptsymptom ist eine schwere Geh- und Gangstörung. Bis vor einem Jahr nahm ich daher acht verschiedene Medikamente an neun Zeitpunkten am Tag ein. Mein Zustand verschlechterte sich jedoch zunehmend, sodass ich mich einer THS unterzog.

Dabei haben mir Ärzte in Göttingen und Kassel eine Stromquelle in meinen Brustraum implantiert. Sie gibt kontinuierlich elektrische Impulse an Elektroden ab, die tief in mein Gehirngewebe eingesetzt wurden. Die Impulse erreichen ihr Ziel über Kabel. Sie sind unter der Haut zwischen den Elek-troden im Kopf und dem Akku in der Brust gezogen.

Das Verfahren ist inzwischen weltweit etabliert, aber sehr komplex.
Wie haben Sie die OP erlebt?
 

Sie dauerte siebeneinhalb Stunden. Ich erhielt eine Betäubung in die Kopfschwarte, außerdem fixierte man mich so, dass ich Kopf und Torso nicht mehr bewegen konnte. Ich werde nie das Geräusch vergessen, als die Ärzte mir mit dem Bohrer den Kopf öffneten. Während der OP bestimmten sie dann exakt die zuvor berechneten Zielpunkte der Elektroden. Zum Einsatz kamen dafür unter anderem CT- und MRT-Aufnahmen, aber auch unzählige Tests, die begleitend vorgenommen wurden. So musste ich Sätze sagen wie „Liebe Lilli Lustig liebt launige Literatur“ oder in Siebenerschritten von 100 rückwärts rechnen. Diese Übungen setzten meine Hirnzellen unter milden Stress.

Plötzlich kribbelten meine Finger, dann wiederum waren sie unbeweglich - oder mir blieb die Sprache weg. Auf diese Weise analysierten die Ärzte, wo welche Elektrode am besten platziert werden muss, um bei minimalen Nebenwirkungen den größtmöglichen Effekt zu erzielen. Danach hat man mir unter Vollnarkose noch das Steuergerät in die Brust implantiert. Zwölf Tage später wurde das Gerät eingeschaltet und gibt seitdem regelmäßig elektrische Impulse direkt ins Gehirn ab.

Wie geht es Ihnen heute nach dem Eingriff?
 

Generell geht es mir wesentlich besser. Die ersten Tage nach der OP waren gewöhnungsbedürftig. Ich hatte ständig das Gefühl, jemand hätte die Zeit angehalten. Die Tage kamen mir zunächst weitaus länger vor als in den Jahren zuvor. Handgriffe und Bewegungen gelingen mir inzwischen wieder zielsicher und weit schneller. Ich nehme nur ein Viertel der Medikamente. Ich kann mich wieder gut bewegen und schlafe statt zwei, drei Stunden in der Nacht fünf bis sechs.

Ein Jahr vor der OP übernachtete ich noch auf einer dünnen Matratze oder einer Yogamatte auf dem Boden. Ich kam nämlich irgendwann nicht mehr aus dem Bett raus. Meine Beine fühlten sich nachts wie gelähmt an. Der Oberkörper war unbeweglich und starr. Heute kann ich meinen Alltag wieder allein bewältigen. Das war vor der OP grenzwertig. Es ist ein Geschenk, das Alles wie früher zu erleben.