Wie kann Epilepsiekranken, denen Medikamente zur Anfallsreduktion nicht ausreichen, geholfen werden?

Lediglich für ein Prozent von ihnen ist die Neurochirurgie eine Option. Sie können das erkrankte Areal im Gehirn operativ entfernen lassen. Die anderen suchen Hilfe durch medizintechnische Geräte. Für diese Patienten stellen Gehirnstimulationsmethoden eine zusätzliche Chance dar. Die technische Stimulationsbehandlung nutzt andere Wirkmechanismen als Antiepileptika und belastet den Köper nicht pharmakologisch.

Mittels minimaler Reizströme wird dabei versucht, die Erregbarkeit des Gehirns herabzusetzen. Dies geschieht z.B. durch die Vagusnervstimulation am Hals, wobei sich allerdings die Stimme des Patienten verändern kann, auch Husten und lokale Irritationen sind möglich. Andere Verfahren stimulieren das Gehirn direkt, u.a. durch die Reizung von Kernen des Thalamus. Dafür müssen jedoch Elektroden direkt und tief ins Gehirn eingesetzt werden. Weitere Methoden gehen den Weg über Schwämmchen auf dem Kopf, Kopfhörer oder Pflaster. Für pharmakoresistente Epilepsiepatienten hieß es also bislang: hohe Risiken oder deutliche Einschränkungen im Alltag auf sich nehmen, um auf Besserung zu hoffen.

Können Epilepsiepatienten innovative technische Entwicklungen erwarten, mit weniger Risiko und Einschränkungen?

Ja. In den vergangenen Jahren konzentrierte sich die Forschung auf die Weiterentwicklung von Verfahren, die mit Hilfe von individualisierten elektrischen Reizen eine oberflächliche Gehirnstimulation erzeugen. Die Reizung bezieht sich auf den epileptischen Fokus, also den Ort im Gehirn, wo ein Anfall seinen Ursprung hat. Ziel der Forschung ist es dabei, eine dauerhafte Wirkung ohne Eröffnung des Schädelknochens, also transkraniell, und ohne direkte Eingriffe am Gehirn oder Gehirnnerven zu erreichen. Als Hersteller innovativer medizintechnischer Lösungen für Menschen mit funktionalen Gehirnerkrankungen ist uns mit der neuesten Produktentwicklung EASEE® hier ein Durchbruch gelungen.

Wie funktioniert Ihr Verfahren der transkraniellen Fokusreizung?

Kleine Plättchenelektroden werden unter die Kopfhaut geschoben und wie Satelliten über dem erkrankten Gehirnareal ausgerichtet – ohne den Kopfknochen oder das Gehirn selbst in Mitleidenschaft zu ziehen. Von den Elektroden führt ein Kabel unter der Haut zum Impulsgeber, der oberhalb des Brustmuskels unter der Haut sitzt. Das System kann verschiedene Effekte erzielen: Es kann aktivieren oder inhibieren. Inhibieren heißt, die Gehirnaktivität etwas zu reduzieren, das ist bei Epilepsiepatienten gewünscht.

Es werden ca. 20 Minuten pro Tag Signale ans Gehirn gesendet. Dadurch soll das überaktive Areal des Epilepsiepatienten stabilisiert werden und der Patient weniger Anfälle erleiden. Das System wird von außen per Programmiergerät durch den behandelnden Neurologen für jeden Patienten individuell eingerichtet. Auch der Patient selbst kann bei Bedarf per Fernbedienung einen Stromimpuls auslösen.

Worin liegt der Vorteil gegenüber herkömmlichen Verfahren?

Das gesamte System liegt unter der Haut, unsichtbar für Außenstehende. Das hebt äußere Einschränkungen im Alltag des Patienten auf. Sport treiben, Schwimmen gehen, duschen, reisen – all das ist möglich, ohne auf die Zuverlässigkeit der Behandlung verzichten zu müssen. Zudem ist die Implementierung sehr einfach, sie erfordert keine Eröffnung des Schädelknochens und keine Umwicklung von Gehirnnerven. Das System lässt sich bei Bedarf auch sehr einfach wieder entfernen.

Die Individualität ist ein weiterer Vorteil. Die Elektroden werden genau auf den oberflächlichen Herd eines Patienten ausgerichtet und auch die Stimulationsrhythmik wird entsprechend individuell optimiert. Entsprechend der Verläufe und Veränderungen können die Stimulierungsparameter jederzeit an die Bedürfnisse des Patienten angepasst werden.

Wem hilft die transkranielle Fokusreizung?

Das Produkt wird dafür entwickelt, funktionale Gehirnerkrankungen zu therapieren, die ihren Ursprung auf oberflächlichen Gehirnarealen haben. Darunter fällt Epilepsie, insbesondere die fokale Epilepsie, wo der Herd klar abgrenzbar ist. Später sollen aber auch Schlaganfallpatienten in der Rehabilitation unterstützt werden. Da unser System nicht nur hemmend, sondern auch aktivierend wirken kann, kann es z.B. Schlaganfallpatienten dabei helfen, wieder gehen oder sprechen zu lernen. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

Ist Ihr Produkt bereits auf dem Markt erhältlich?

Nein, noch sind wir in der Phase der Klinischen Studien. Eine erste Kurzzeit-Studie mit ambulanten Patienten zeigt eine gute Funktion des Systems, wenn es äußerlich angewendet wird. In Kürze beginnt die erste Studie mit Epilepsiepatienten, denen das System komplett implementiert wird und bei denen die Langzeiteffekte gemessen werden. Bei erfolgreichem Verlauf können wir die Marktzulassung und die Erstattung durch die Krankenkassen beantragen. Das Procedere nimmt noch einige Zeit in Anspruch. Doch schon heute definieren die Methode sowie die Plättchen-Elektroden selbst neue Meilensteine in der individualisierten Stimulationsbehandlung des Gehirns.

Das Leid der Nebenwirkungen

 

Britta Schröder*

Epilepsiepatientin (37)

 

Ich war 14 Jahre alt, als ich das erste Mal epileptische Anfälle bekam. Meine fokale Epilepsie wurde fortan mit Medikamenten behandelt. 15 Jahre lang halfen mir diese gut, doch anderthalb Jahre nach der Geburt meines Sohnes kamen die Anfälle zurück. Seitdem bestimmen sie meinen Alltag – ebenso wie die starken Nebenwirkungen der Medikamente. Ich leide unter Seh- und Sprachstörungen, starker Vergesslichkeit, meine Wahrnehmung ist zeitweise verändert, ich habe an Gewicht zugenommen und habe Stimmungsschwankungen.

Trotz häufigen Wechsels der Präparate wird mein Zustand nicht besser, im Gegenteil. Das aktuelle Medikament versetzt mich zeitweise in einen Zustand, als ob ich betrunken sei. Mein Gang ist unsicher und die Häufigkeit der Anfälle hat zugenommen. Meine Leberwerte sind durch die lange medikamentöse Behandlung nicht gut, zudem leide ich an leichter Osteoporose. Seit 2015 bin ich nicht mehr in der Lage, meine Arbeit auszuüben. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher, als wieder ein normales Leben führen zu können.

Epilepsie erfordert eine dauerhafte Therapie. Ich brauche etwas, mit dem ich mein Leben lang gut zurechtkomme. Mit der mobilen Vagusnervstimulation als medizintechnische Unterstützung habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Vor einer Gehirnoperation habe ich große Angst. Was ist, wenn etwas schiefgeht? Nun setze ich Hoffnung in ein neues oberflächliches Gehirnstimulationsverfahren, das dennoch tief wirkt und minimalinvasiv ist. Ich stelle mich demnächst als Probandin für die klinische Studie zur Verfügung. Mein Arzt ist zuversichtlich, dass dieses Verfahren eine Erleichterung für mich bedeuten kann. Ich wäre froh, wenn meine Einschränkungen sich reduzieren würden.

* Name  von der Redaktion geändert