Patienten leiden unter kognitiven Leistungseinbußen, chronischer Müdigkeit und emotional-affektiven Problemen wie Depressionen und Angststörungen. Interview mit der Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Iris-Katharina Penner vom COGITO Zentrum und Universitätsklinikum Düsseldorf.

Was bedeutet der Begriff „Kognition“ eigentlich genau?

Kognition kann man als Gesamtheit aller Prozesse beschreiben, die mit dem Denken, Wahrnehmen und Erkennen zusammenhängen. Alles, was das Gehirn als geistigen Prozess leistet, bezeichnet man als Kognition. Oftmals wird der Begriff mit Gedächtnis gleichgestellt, was jedoch nicht richtig ist. Kognition ist viel breiter und umfasst viele unterschiedliche Domänen, wie Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung oder auch die Geschwindigkeit von Denkprozessen.

MS und kognitive Beeinträchtigungen:
Inwiefern gehören Krankheit und Symptome zusammen?

Die MS ist eine demyelinisierende Erkrankung. Das Myelin bildet die Schutzschicht der Nerven, die Myelinscheide. Das kann man sich wie eine Art Isolierung bei einem Kabel vorstellen. Mit seiner Hilfe werden die einzelnen Reize über die Nervenfortsätze, von einer Nervenfaser zur nächsten weitergeleitet. Bei MS kommt es durch eine fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems zu Entzündungen an der Myelinscheide, sodass diese geschädigt und sogar zerstört werden kann. So kann es auch zu Schäden an den darunterliegenden Nervenfasern kommen, was zu kognitiven Störungen führen kann.

Heute weiß man, dass kognitive Leistungsstörungen zum Kerndefizit und Schlüsselsymptom der Multiplen Sklerose zählen. Früher wurde MS rein körperlich betrachtet. Dass Betroffene auch geistige Probleme haben, hat man lange Zeit ignoriert. In den letzten zehn Jahren hat man diese Wissensdefizite vermehrt aufgearbeitet und weiß nun, dass die kognitiven Leistungsstörungen von Anfang an vorhanden sein können. Ich habe zum Beispiel Patienten, die haben fast gar keine körperlichen Anzeichen, dafür weisen sie aber kognitive Auffälligkeiten auf.

Meistens ist dies aber kein Gedächtnisproblem, sondern die Betroffenen werden langsamer in ihrem Denken, also die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit wird reduziert. Das merken oft auch Angehörige sehr schnell, beispielsweise dadurch, dass sie Dinge mehrfach wiederholen müssen, bevor sie bei den Betroffenen ankommen. Auch eine Aufmerksamkeitsproblematik und ein Einbruch in der mentalen Flexibilität, im sogenannten Multitasking, macht sich häufig bemerkbar. Diese Domänen zählt man zu den MS-typischen Leistungsveränderungen. Patienten merken diese Symptome häufig von Anfang an, doch werden sie zunächst nicht ernst genommen.

Woran liegt das?

Wenn ich ehrlich sein darf, liegt das zu großen Teilen daran, dass Fachärzte Gefahr laufen, mit „Scheuklappen“ nur auf ihr Gebiet zu schauen und sich hauptsächlich um die körperlichen Symptome kümmern, den Patienten dabei aber nicht ganzheitlich betrachten. Hier muss dringend ein Umdenken stattfinden.  Auch vor dem Hintergrund, dass 40-50 Prozent aller MS-Patienten unter kognitiven Beeinträchtigungen leiden.

Gibt es verlässliche Tests wie man zu einer Diagnosefindung kommen kann?

Die gibt es. Wichtig ist, dass normierte und validierte Tests für MS-Betroffene zur Anwendung kommen. Diese Verfahren sind in der Lage eine zum Beispiel 45-jährige MS Patientin mit einem bestimmten Bildungsgrad mit einer gesunden weiblichen Person gleichen Alters und gleicher Bildung zu vergleichen. Auf diese Weise kann festgestellt werden, ob und wie stark eine MS-Betroffene von der Norm abweicht und somit der Grad der kognitiven Beeinträchtigung diagnostiziert werden.  Dies ist besonders wichtig für Patienten, die durch die Erkrankung nicht mehr arbeiten können und eine Berufsunfähigkeit beweisen müssen. Hier braucht es objektive Befunde, die mit Hilfe von neuropsychologischen Tests ermittelt werden können.

Warum ist das Erheben des kognitiven Status und das regelmäßige
Monitoring bei MS so wichtig?

Wichtig ist, dass eine kognitive Testung idealerweise direkt zur Diagnosestellung der MS durchgeführt wird, um den Ausgangszustand festzuhalten. In der Folge kann man dann den betroffenen Patienten einmal im Jahr mit seinem eigenen Ausgangsniveau vergleichen und so individuelle Veränderungen erkennen. Diese können wiederum mit dem Arzt besprochen werden. Zeigen sich deutliche Verschlechterungen zur Voruntersuchung wäre dies ein Grund die aktuelle Therapie zumindest zu überdenken und den Patienten eventuell auf eine andere Therapie einzustellen.