Denn mit solchen Kribbel- oder Taubheitsgefühlen in Armen oder Beinen meldet sich die MS bei rund 30 Prozent aller Patienten zum ersten Mal. Auch Sehstörungen gehören zu den Symptomen, über die Betroffene in der frühen Phase klagen. Dabei kann es sein, dass die Sehschärfe eines Auges beeinträchtig ist oder Doppelbilder auftreten.

Bei fast jedem fünften Patienten äußert sich die Krankheit zunächst durch Gang- und Gleichgewichtsstörungen. Zehn Prozent der Betroffenen werden wiederum mit einem Gefühl der Kraftlosigkeit, häufig in den Beinen, konfrontiert. Professor Dr. Jürgen Koehler, Geschäftsführer und ärztlicher Leiter des Behandlungszentrums Kempfenhausen, im Interview. 

Professor Koehler, was genau ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine autoimmune Erkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark), deren Ursache bisher nicht bekannt ist. Dies bedeutet, dass köpereigene Abwehrzellen, also T- und B-Zellen, fälschlicherweise körpereigene Nervenzellen angreifen.

Neben einer genetischen Disposition werden Umweltfaktoren als Kofaktoren angesehen. In jüngster Zeit gibt es Hinweise darauf, dass möglicherweise die Keimbesiedlung des Darmes eine auslösende Rolle spielen könnte. 

Wie wird die Multiple Sklerose diagnostiziert?

Die Multiple Sklerose ist eine Ausschlussdiagnose. Erst wenn andere mögliche Erkrankungen als Erklärung aufgetretener Beschwerden diagnostisch ausgeschlossen wurden und zugleich eine mit einer Multiplen Sklerose zu vereinbarenden Befundkonstellation vorliegt, kann die Diagnose gestellt werden.

Neben der Kernspintomographie des Gehirns ohne und mit Gabe von Kontrastmittel sowie der Funktionsdiagnostik der Nervenbahnen gehört eine Nervenwasseruntersuchung zu den üblichen Untersuchungen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Im Gegensatz zum letzten Jahrtausend stehen heute viele Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Neben den immunmodulierenden Basistherapien (Interferon-beta, Glatiramerazetat) und klassischen Zytostatika (Mitoxantron) stehen als neueste Optionen monoklonale Antikörper (Natalizumab) und Fingolimod zur Verfügung.

In 2013 werden mit Teriflunomid, Fumarsäure und Laquinimod weitere Immuntherapeutika erwartet. Darüber hinaus werden vielversprechende Medikamente zurzeit in Zulassungsstudien geprüft.

Wie läuft die Palliativversorgung ab?

Für Multiple-Sklerose-Kranke mit schwerem Verlauf und Behinderung gibt es im Gegensatz zu Krebskranken wenige spezialisierte Einrichtungen, welche den besonderen Bedürfnissen gerecht werden können. Dabei bedeutet Palliativversorgung  die Konzentration des medizinischen Handelns auf die Symptomkontrolle einer Erkrankung und hat nicht mehr das Ziel zu heilen.

Mithilfe eines multiprofessionellen Teams aus Ärzten, Seelsorger, Pflege, Sozialdienst, Physio- und Ergotherapeuten, Psychologen oder Logopäden und gegebenenfalls durch Einsatz von Medikamenten wie Schmerzmittel, Antibiotika und Spasmolytika werden körperliche und seelische Beschwerden der Betroffenen und deren Angehörigen gelindert und damit die Lebensqualität verbessert. 

Das Behandlungszentrum Kempfenhausen bietet in der Marianne-Strauß-Klinik als besondere Einrichtung Multiple Sklerose Patienten in jedem Stadium der Erkrankung eine individuelle Betreuung und Hilfe mit hoher Expertise an: von der ambulanten über die tagesklinische und vollstationäre Behandlung, von der Zweitmeinung, Therapieberatung, Spezialdiagnostik über komplexe Therapiestrategien mit Immunadsorption bis zur palliativmedizinischen Versorgung.

Darüber hinaus gehört ein Pflegeheim für schwerstbetroffene MS-Patienten zum Angebot des Zentrums.