Was sind die entscheidenden Merkmale der progredienten Verlaufsformen der MS und wo liegen die Unterschiede zum schubförmigen Verlauf?

Prof. Hohlfeld: Im Gegensatz zur schubförmigen MS sind die progredienten Verlaufsformen der MS durch eine stetige Zunahme der neurologischen Beeinträchtigungen gekennzeichnet. Besonders schwerwiegend ist dabei der zunehmende Verlust der Gehfunktion mit Schwäche, Unsicherheit und Spastik der Beine. Hinzu kommen häufig Störungen des Konzentrationsvermögens, des Gedächtnisses sowie der Blasen- und Sexualfunktionen.

Diese Symptome können auch bei der schubförmigen MS auftreten; dort sind sie jedoch per definitionem nicht fortschreitend, sondern Folge eines oder mehrerer Schübe.

Bei der sekundär progredienten Verlaufsform geht ein zunächst schubförmiger Verlauf allmählich in einen zunehmend fortschreitenden Verlauf über. Dabei ist es schwierig, den genauen Zeitpunkt dieses Übergangs zu bestimmen. Daneben gibt es MS-Erkrankte, bei denen der Verlauf von Anfang an progredient ist, ohne dass jemals Schübe auftreten (primär progrediente MS).

Wie häufig kommen progrediente Verlaufsformen vor? Gibt es aktuelle Erkenntnisse über das Warum der unterschiedlichen Verläufe?

Prof. Hohlfeld: Weltweit hat mindestens die Hälfte der (geschätzt) 2,5 Millionen MS-Erkrankten einen progredienten Verlauf. Am seltensten ist die primär progrediente MS (etwa zehn Prozent aller MS-Erkrankten). Nach heutiger Ansicht steht bei der schubförmigen MS die Entzündung im Vordergrund. Dabei werden bestimmte Regionen im Gehirn und Rückenmark von Entzündungszellen infiltriert.

Diese Bezirke sind in der Kernspintomografie als „Herde“ erkennbar. Im Lauf der Jahre tritt diese akute Entzündung jedoch in den Hintergrund und wird abgelöst von einer andersgearteten chronischen, diffusen Entzündung, die große Regionen befällt. Während die akute Entzündung der schubförmigen MS durch aus dem Blut eingewanderte Lymphozyten und Fresszellen ausgelöst wird, spielen bei der chronischen Entzündung der progredienten MS vor allem hirneigene Entzündungszellen – die Mikrogliazellen – eine Hauptrolle.

Es kommt zu einem fortschreitenden Verlust von Nervenzellen und deren Fortsätzen (Axonen). Leider ist dieser Verlust nicht umkehrbar.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es derzeit bei den progredienten Verlaufsformen?

Prof. Hohlfeld: Aus den bereits erwähnten Zusammenhängen erklärt sich, dass entzündungshemmende Medikamente, wie sie erfolgreich bei der schubförmigen MS eingesetzt werden, bei den progredienten Verlaufsformen meist unwirksam sind.

Große Bedeutung hat daher bislang die „symptomatische Therapie“ der progredienten MS. Dabei geht es nicht um die Beeinflussung der zugrunde liegenden Mechanismen, sondern um die Linderung von Symptomen, wie Gangstörung, Spastik, Fatigue, Konzentrationsstörungen, Blasenfunktionsstörungen, Ataxie oder Schmerzen. Viele Symptome der progredienten MS lassen sich durch Physiotherapie, Ergotherapie oder Medikamente bessern.

Was ist vordringlich notwendig, um die Behandlung der progredienten Verlaufsformen zu verbessern?

Prof. Hohlfeld: Absolut vorrangig ist die intensive Erforschung der Ursachen und Therapien der progredienten MS. Dafür braucht es sowohl Grundlagenforschung als auch angewandte Therapieforschung. Das ist inzwischen erkannt und so wird weltweit die diesbezügliche Forschung intensiviert. Auch der DMSG-Bundesverband stellt hier, unterstützt von seinem Ärztlichen Beirat, die MS-Progredienz in den Mittelpunkt seiner Forschungsförderung.