Es ist für alle Pflegenden eine gewaltige Aufgabe und große Herausforderung, die besonders bei einer beginnenden Demenz leicht unterschätzt wird. In den ersten Jahren sage ich vielleicht noch unbeschwert: „Das schaffe ich schon alleine“, weil die Verhaltensweisen meines Partners noch nicht so auffällig sind, ich körperlich noch fit bin und auch meine Freunde noch gerne zu Besuch kommen.

Doch im Laufe der Zeit schleichen sich unweigerlich Veränderungen ein, die immer mehr auch mein eigenes Leben als pflegender Angehöriger mitbestimmen. Mein an Demenz erkrankter Partner bekommt beispielsweise Halluzinationen, sein Tag- und Nachtrhythmus ist durcheinander geraten, er läuft ununterbrochen hin und her, er reagiert aggressiv auf Besucher, er wird inkontinent, er möchte nicht mehr duschen, er läuft ständig weg, er nervt mit den immer gleichen Fragen und vieles mehr.

Irgendwann bin ich dann nicht mehr nur die liebevolle und treu sorgende Ehefrau, sondern werde darüber hinaus zur Krankenschwester, Pflegerin und rund um die Uhr Betreuerin und marschiere damit - zunächst noch unbemerkt - sehr rasch und unweigerlich an die Grenzen meiner eigenen Belastbarkeit.

Es kommen immer weniger Freunde zu Besuch, weil bei uns die Atmosphäre ungemütlich ist, ich lehne alle Einladungen dankend ab, weil ich besonders abends viel zu erschöpft bin, um noch einmal aus dem Haus zu gehen, aus dem gleichen Grund mache ich auch keinen Sport mehr, ich werde immer gereizter und hektischer, weil ich Tag und Nacht nicht mehr zur Ruhe komme und vor lauter Stress ist mir der Appetit vergangen und ich stopfe nur noch im Vorbeigehen ungesundes Zeug in mich hinein. 

An diesem Punkt angelangt, hebelte mich persönlich zwei Tage vor Weihnachten ein Herzinfarkt aus, den ich nur durch sehr viel Glück haarscharf überlebte. Danach kam ich in die Reha und Josi für ein paar Wochen in die Kurzzeitpflege. Durch diese Zwangspause hatte ich plötzlich nicht nur genügend Zeit, über mein Fehlverhalten nachzudenken, sondern auch die Möglichkeit, in Ruhe ausreichend Hilfe und Unterstützung zu organisieren. 

Niemand sollte so unvernünftig sein, wie ich es jahrelang war und erst dann zwangsläufig einsichtig werden, wenn der Schiedsrichter mit der roten Karte vor einem steht. Auch im Interesse des Erkrankten ist es entscheidend, dass ich mit meinen Kräften haushalte, mir einen eigenen Freiraum zur Erholung schaffe und mich mal wieder um mein Hobby oder meine Freunde kümmere.

Umso wichtiger und empfehlenswerter ist es, frühzeitig Unterstützung und Entlastung anzunehmen, ehe das Kind in den Brunnen gefallen ist und alle Nerven blank liegen. Ich kann Freunde, Nachbarn oder Familienangehörige fragen, ob sie mich für ein oder zwei Stunden vertreten.

Darüber hinaus kann ich zusätzlich den ambulanten Pflegedienst für die Grundpflege, Besuchsdienste, Tagespflegeeinrichtungen, Haushaltshilfen und vieles mehr in Anspruch nehmen. Es gibt viele verschiedene professionelle und ehrenamtliche Angebote, über die ich mich vor Ort bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Seniorenberatungsstellen, Krankenkassen sowie Pflegestützpunkte erkundigen kann.  

Natürlich ist es anfänglich für den pflegenden Angehörigen ebenso wie für den Erkrankten nicht so einfach, plötzlich fremde Menschen um sich zu haben und sich auf sie einzulassen, aber ich kann versprechen, dass man sich sehr schnell daran gewöhnt und schon recht bald feststellt, dass es die Beste aller Entscheidungen war, endlich Hilfe anzunehmen.

Auch das Loslassen können gehört zum Lernprozess und wenn man das einmal verinnerlicht hat, kann auch das gemeinsame Leben mit einem an Demenz erkrankten Menschen noch erfüllend und glücklich verlaufen, ohne dass das eigene Ich komplett verloren geht. Man ist kein Versager, wenn man sich eingesteht, etwas nicht alleine stemmen zu können, sondern ein mutiger und verantwortungsvoller Mensch mit Weitblick.