Diese Schlussfolgerung ist in dieser Radikalität natürlich nicht haltbar, dennoch hat die kognitive Leistungsfähigkeit in unserer heutigen Gesellschaft einen nie da gewesenen Stellenwert. Man muss eine gute und schnelle Auffassungsgabe haben, unmittelbar antworten, schnell und dabei auch richtig entscheiden und am besten gleich alle Aufgaben parallel abwickeln können.

Zudem verlangen die neuen Medien uns permanente Erreichbarkeit und immer spezifischere Kenntnisse ab. Wer in dieser kognitiven Hochleistungsgesellschaft nicht mitkommt, gilt schnell als Versager. Es wundert daher nicht, dass eine große Anzahl Menschen Angst vor geistigem Abbau oder gar Demenz hat, denn die geistige Funktionsfähigkeit definiert nicht nur das eigene Sein, sondern bestimmt auch darüber, ob ich gesellschaftliche Akzeptanz erfahre.

Eine einwandfreie, dem Alter entsprechende Funktionstüchtigkeit kognitiver Prozesse setzt voraus, dass ein komplexes Netzwerk aus Nervenzellen zusammenspielt.

Dieses hochkomplexe Netzwerk kann durch multiple Faktoren gestört werden, die sich zum einen dem Verhalten zuordnen lassen, wie zum Beispiel zu wenig Schlaf, langanhaltender Stress, übermäßiger Alkoholkonsum, zum anderen aber auch durch Erkrankungen des Gehirns ausgelöst werden können (entzündliche Erkrankungen wie zum Beispiel multiple Sklerose, neurodegenerative Erkrankungen wie zum Beispiel Alzheimer oder Parkinson). Kognitiver Leistungsverlust kann somit als das Resultat einer Netzwerkstörung verstanden werden, ist aber nicht zwangsläufig immer Anzeichen einer Demenz.

In den meisten Fällen bemerken die Betroffenen selbst, dass sich ihre geistige Leistungsfähigkeit verändert. Allen voran steht die Verlangsamung von Denkvorgängen. Man benötigt mehr Zeit als früher, um Entscheidungen zu treffen, man braucht länger, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen, nimmt sich mehr Zeit beim Beantworten von Fragen, fühlt sich in einem lärmigen Ambiente mit vielen Personen unwohl et cetera.

Hinzu kommt häufig eine Störung des Arbeitsgedächtnisses. Diese äußert sich vor allem im Unvermögen, kurzfristig Informationen im Gedächtnis zu behalten (zum Beispiel vergessen Betroffene, was sie vor wenigen Augenblicken noch im Supermarkt einkaufen wollten, sie vergessen Telefonnummern, die ihnen soeben jemand gesagt hat, et cetera).

Hinzu treten häufig Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeitsleistung und beim Multitasking. Diese Phänomene können aber auch durch massiven Stress, Schlafmangel und eine ungesunde Lebensweise ausgelöst werden und klingen wieder ab, sobald diese Verhaltensweisen geändert werden.

Von kognitiven Beeinträchtigungen spricht man generell immer dann, wenn die Leistung von der Altersnorm abweicht und der Betroffene/die Betroffene einen deutlichen Leidensdruck verspürt. Es gibt Menschen, die kommen im Alltag aufgrund guter Copingstrategien sehr gut zurecht. Dann sollte man es auch dabei belassen.

Hat eine Person aber das Gefühl, dass sie im Alltag nicht mehr adäquat zurechtkommt und sich ihre selbst beobachteten Probleme stark negativ auf ihre Lebensqualität auswirken, dann ist eine neurokognitive Abklärung zu empfehlen.

COGITO Zentrum für Angewandte Neurokognition und Neuropsychologische Forschung

Privatdozentin Iris-Katharina Penner ist diplomierte Psychologin und Neurowissenschaftlerin. Sie promovierte und habilitierte an der Universität Basel zu den Themen Kognition, Fatigue, Neurorehabilitation und Hirnplastizität bei Patienten mit multipler Sklerose.

Sie gründete im Mai 2015 das Zentrum COGITO am Merowingerplatz in Düsseldorf als Schnittstelle zwischen Forschung und Versorgung. Neben klinischen Studien zum Thema Kognition und Fatigue werden im Zentrum neurokognitive Gutachten und Patientenuntersuchungen durchgeführt.