Aufgrund der allgemein gestiegenen Lebenserwartung wird für das Jahr 2030 sogar mit 2,3 Millionen Patienten gerechnet. Ein Gespräch mit Prof. Dr. med. Wolfgang Maier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), über Ursachen, Therapien und den aktuellen Forschungsstand.

Bei Patienten mit Alzheimer verschlechtert sich die Funktionsfähigkeit des Gehirns. Wie entwickelt sich das Gehirn überhaupt im Lauf eines Menschenlebens?

Das entscheidende Wort ist die sogenannte Neuroplastizität. Danach haben Nervenzellen oder ganze Hirnareale die Möglichkeit, sich aktivitätsabhängig zu entwickeln, das heißt, sie sprossen aus und differenzieren sich, wenn sie im Zuge einer Tätigkeit aktiviert werden. Werden also bestimmte Areale im Gehirn stärker genutzt, entwickeln sie sich wie bei einem Muskel nachweisbar besser.

Generell ist Alzheimer noch nicht heilbar. Allerdings kann man den Krankheitsverlauf inzwischen erheblich hinauszögern, und die Patienten gewinnen wertvolle Zeit. Schließlich sollen sie so lange wie möglich ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen.

Bei Alzheimerkranken dagegen sterben aber die Nervenzellen immer mehr ab?

Das ist zutreffend. Hinzu kommt, dass bei allen älteren Menschen die Neuroplastizität mit dem Alter abnimmt. Generell ist das menschliche Gehirn zwar mit genug Reserven ausgestattet. Aber im höheren Alter greifen seine Reparaturmaßnahmen nicht mehr, sodass sich die Regenerationskräfte erschöpfen.

Wie wird eine Alzheimererkrankung am besten verhütet?

Dafür sollte man die Risikofaktorforschung hinzuziehen: Zum einen spielen erbliche Ursachen ein Rolle. Aber auch eine ungesunde Lebensweise stärkt das Risiko enorm, also zu fettes Essen, Alkohol, Rauchen oder ein deutlicher Mangel an Bewegung. Wer demnach viele Ursachen für Herzerkrankungen und Diabetes behebt, bekämpft gleichzeitig auch Demenzerkrankungen.

Gibt es auch eine medikamentöse Behandlung?

Ja, und sie ist wichtig, um die Krankheit hinauszuzögern, gerade im frühen und mittleren Stadium. Falls sie rechtzeitig diagnostiziert wurde. Dafür werden Medikamente eingesetzt, die positiv in den Abbau von Botenstoffen eingreifen und den Informationsfluss zwischen Nervenzellen stärken.

In welchem Alter tritt die Krankheit in der Regel auf?

Am häufigsten tritt diese Krankheit im Alter von 75 bis 85 Jahren auf. Entscheidend ist jedoch, dass sich diese Krankheit über einen langen Prozess entwickelt. Das heißt, die Krankheit beginnt bereits oft rund 20 Jahre davor. Sie wird dann jedoch selten bereits diagnostiziert.

Wie verändern sich Menschen dann, die an Alzheimer erkranken?

Die Patienten leiden nicht nur unter Vergesslichkeit. Sie ändern sich auch in ihrem Wesen, was besonders für Angehörige oder Pfleger schwierig ist. Die Wahrnehmung, die Kommunikationsfähigkeit und damit das zwischenmenschliche Verhalten verkümmern oder verändern sich. Erschwerend kommt hinzu, dass unser Alltag immer komplexer wird und damit die Anforderungen steigen.

Sehr viele empfinden Gefühle wie Angst, Niedergeschlagenheit und Gleichgültigkeit. Oder sie fühlen sich unverstanden und werden aggressiv. Das wiederum verstehen die pflegenden Angehörigen nicht, die ihnen doch eigentlich helfen möchten. Hier sind Aufklärung und Verstehen gefragt.