Bisher gibt es noch keine Behandlung, die das Volksleiden Alzheimer heilen kann. Woran liegt das und warum ist die Forschung dazu so komplex?

Es gibt mehrere Gründe, die hier eine Rolle spielen. Wir kennen die biologischen Mechanismen von Alzheimer noch nicht vollständig. Wir wissen nur, dass sich im Krankheitsverlauf Eiweiß-Spaltprodukte, so genannte Amyloid-Plaques und Fibrillen, im Gehirn ablagern und somit die Reizübertragung der Nervenzellen verhindern.
Das Gehirn ist zudem ein sehr komplexes Organ. In ihm gibt es zum Beispiel die so genannte Blut-Hirn-Schranke. Sie trennt den Blutkreislauf vom zentralen Nervensystem. Außer für ein paar Nährstoffe des Gehirns ist sie undurchdringbar. Sie agiert wie ein Filter, der das Gehirn vor Eindringlingen schützt. Das erschwert zum einen die Diagnostik, zum anderen aber auch die Therapie. Denn leider schützt die Schranke das Gehirn auf diese
Weise auch vor den Medikamenten.

Alle drei Sekunden erkrankt irgendwo auf der Welt ein Mensch neu an Demenz


Darüber hinaus werden neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer meist erst im späten Stadium
erkannt: Dank seiner Neuroplastizität kann das Gehirn erste Schäden, wie sie zum Beispiel durch die Amyloid-Plaques entstehen, zunächst sehr gut kompensieren. Erst wenn auch „Umgehungsstraßen“ beeinträchtigt sind, treten die typischen Symptome auf - die Schäden sind dann jedoch  irreparabel. Wir erleben aber bereits enorme Fortschritte in der Diagnostik von Alzheimer. Das gibt mir Hoffnung, dass wir auch in Bezug auf die Therapie Durchbrüche erleben, wie wir es zum Beispiel bei Erkrankungen wie Krebs oder HIV kennen. Mich motiviert das bei der Forschung.

Warum ist eine frühzeitige Diagnostik und damit rechtzeitige Behandlung bei Alzheimer so wichtig?

Chronisch neurodegenerative Erkrankungen, die zu Demenzen führen, haben einen sehr, sehr langen Vorlauf, bevor sie überhaupt bemerkt werden. Die bereits erwähnten Amyloid-Plaques entwickeln sich bereits 20 bis 30 Jahre vor den ersten Symptomen und die Degeneration der Nervenzellen startet circa zehn Jahre vorher. Vergleichbar ist das mit der Hypercholesterinämie, bei der sich zu viele Fette im Blut befinden.

Alzheimer ist für etwa 3/4 aller Demenzfälle verantwortlich

Das tut dem Patienten nicht weh und man bemerkt zu spät, dass er ein hohes Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt hat. Auch Tumorerkrankungen erkennen Ärzte oft erst durch einen Zufallsbefund oder wenn der Patient unter Schmerzen leidet. Bei Alzheimer hingegen gibt es noch nicht mal diese Schmerzen als verstärkenden Trigger, um zum Arzt zu gehen.

Welche Ansätze sehen Sie zurzeit dennoch in der Forschung?

Einer der erblichen Risikofaktoren für die Ablagerung der Eiweiß-Spaltprodukte ist zum Beispiel das Vorhandensein einer bestimmten Gen-Variante namens ApoE4. Bei Alzheimer-Patienten konnte ein häufigeres Auftreten des ApoE4-Gens festgestellt werden als bei gesunden Menschen. Betroffene mit dieser Genvariante haben also eine höhere Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken. Aktuell untersuchen wir im Rahmen des weltweiten Studienprogramms GENERATION die Sicherheit und Wirksamkeit vorbeugender Behandlungen, die die Ablagerungen im Gehirn vermindern sollen. Teilnehmen können Menschen im Alter zwischen 60 bis 75 Jahren, die die  ApoE4-Genvariante tragen, die aber – noch – keine Krankheits-symptome zeigen.

50 Millioenen Menschen sind weltweit von Demenz betroffen

Zweck dieser Studie ist die Bestimmung der präventiven Wirkung von zwei Therapien, die beide gezielt gegen Amyloid-Plaques gerichtet sind. Wir wollen herausfinden, ob die untersuchten Substanzen geeignet sind, das Auftreten einer Alzheimer-Erkrankung bei Menschen mit erhöhtem Risiko zu verhindern oder zumindest zu verzögern.

Vor welchen Herausforderungen steht man bei Studien zu Alzheimer?

Es gab einige Studien, die sich jedoch auf Patienten konzentrierten, die bereits symptomatisch erkrankt waren. Es hatten sich bei ihnen also schon Amyloid-Plaques gebildet und man versuchte, diese mit Medikamenten abzubauen. Existieren aber bereits zu viele davon im Gehirn, hat diese Art der Therapie so gut wie keinen Effekt mehr. Die bisherigen Untersuchungen waren daher leider nicht erfolgreich.

Das Risiko bis zum 85. Lebensjahr an Alzheimer zu erkranken liegt bei 30%


Aktuell untersuchen wir aber nun Möglichkeiten, diese Bildung von Amyloid-Plaques gleich von Anfang an zu verhindern. Wir intervenieren also deutlich früher. Bei dem Studienprogramm GENERATION ist daher die Herausforderung, Betroffene zu untersuchen, die vorbeugend behandelt werden sollen. Das heißt, wir suchen Studienteilnehmer, die noch keine Anzeichen einer Erkrankung haben und deren Risikofaktor erst über einen Gentest zutage tritt. Und nur weil sie das ApoE4 in sich tragen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie zwangsläufig an Alzheimer erkranken. Es erhöht lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass Symptome auftreten und die Krankheit entsteht.


 

Studienteilnehmer gesucht

GENERATION - Studienprogramm zur Alzheimer-Prävention

Gesucht werden ab sofort deutschlandweit Teilnehmer im Alter von 60 bis 75 Jahren, die nicht unter Gedächtnisproblemen leiden, einer genetischen Bestimmung ihres ApoE-Genstatus zustimmen und mit ihrer Teilnahme die medizinische Forschung für neue Medikamententherapien unterstützen möchten.

Mehr Informationen unter:  
www.alzheimer-studie.info oder bei Google GENERATION + Alzheimerstudie eingeben.