Nicht aus beruflichen, sondern aus privaten Gründen, denn mein Mann Josi war an Demenz erkrankt und er und ich mussten lernen, damit umzugehen und zu leben. Da ich keine Ärztin und auch keine ausgebildete Pflegekraft bin, ist meine Sicht der Dinge entsprechend laienhaft und nicht wissenschaftlich korrekt, dafür aber durch die jahrelangen und persönlichen Erfahrungen geprägt.

Bis ich erkannte, dass Josi krank war und er mich nicht mit seinem oftmals merkwürdigen Verhalten ärgern wollte, hat es sicherlich drei Jahre gedauert. Wie ich mittlerweile weiß, durchlaufen alle pflegenden Angehörige diesen schwierigen und anstrengenden Prozess. Was aber keiner zu diesem Zeitpunkt weiß, ist dass er soeben die ersten Schritte in ein Labyrinth gemacht hat, aus dem er nicht mehr herauskommt.

Zu Beginn war ich häufig verärgert, wütend und ständig gestresst. Ich schämte mich für meinen Mann, der seine Freunde oder Familienmitglieder mit unhöflichen Sprüchen vor den Kopf stieß, und ich schämte mich für mein eigenes Verhalten, weil ich häufig schimpfend und missmutig durch die Gegend lief.

Da mein Mann selber Arzt war, kam ich natürlich in dieser Anfangsphase nicht auf die Idee, mit ihm einen Neurologen aufzusuchen, zumal er sich weiterhin ziemlich korrekt um alltägliche Dinge kümmerte, wie er es schon sein Leben lang getan hatte.

Hätte Josi ständig etwas vergessen oder verlegt, wäre ich vielleicht früher darauf gekommen, dass mit ihm etwas nicht stimmt, aber so interpretierte ich blauäugig seine Antriebslosigkeit, sein gesteigertes Schlafbedürfnis - er saß stundenlang in seinem Sessel im Wohnzimmer und schlief - als depressive Reaktion auf seine Pensionierung, die ihn sehr unglücklich gemacht hatte.

Vor sieben oder acht Jahren war das Thema Demenz in den Medien auch noch nicht so präsent, dass man bei einem veränderten Verhalten seiner Angehörigen direkt auf die richtige Diagnose getippt hätte.

Dank groß angelegter, aufklärender Kampagnen und stetig steigender Zahlen an erkrankten Menschen können wir heute schneller erkennen, ob unsere Liebsten altersbedingt etwas vergesslicher geworden sind oder sich eine Demenz anbahnt.

Stutzig wurde ich, als sich die Wortfindungsstörungen häuften und Josi frech und aggressiv reagierte, wenn wir mit Freunden oder der Familie zusammensaßen und alle durcheinander sprachen. Immer häufiger wurde er dann ungehalten und herrschte uns an: „Könnt ihr nicht mal anständig Deutsch reden, ich verstehe ja kein Wort.“

Ein anderes Beispiel: Bei einer Einladung wurde ein kleines Kammerkonzert gegeben und Josi sagte sehr laut und unüberhörbar: „Das ist ja das reinste Katzengejammer hier!“ Die Folge dieses Benehmens: Wir wurden nicht mehr eingeladen und Besuch bekamen wir auch immer weniger.

Sensibel, verständnisvoll und geduldig auf solche Entgleisungen zu reagieren, schafft man in der Regel eher nicht und wenn doch, dann nur mit dem nötigen Sportgeist, einer gehörigen Portion Humor und sehr viel Liebe.

Als ich begriff, dass mein Mann nicht bösartig, sondern krank war, habe ich mir diese Erkenntnisse auf die Fahne geschrieben. Sie konnten mich nicht aus jeder Situation retten, aber sie haben mir den Alltag erleichtert und den Umgang mit meinem Mann.

Ich stand zwar schon im Labyrinth, aber noch konnte ich mich frei bewegen und selbst bestimmen, in welche Richtung ich gehen wollte und ob ich dabei zur Furie werden würde oder wieder zur fröhlichen Lotti.