Tom trommelt. Er sitzt an seinem Schlagzeug und ist voll konzentriert. Als er aufsteht und sich auf den Schulweg macht, trommelt er weiter: an Hauswänden entlang, auf Klingeln und an der Bushaltestelle. Den Nachbarn, der sich über die Störung aufregt, bemerkt er nicht, das Trommeln nimmt ihn ganz gefangen.

In der Schule, während der Hausaufgaben und nachmittags beim Fußball fällt es ihm jedoch schwer, sich zu konzentrieren. Denn Tom hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS.

Kinder, die frühzeitig Unterstützung erhalten, schaffen es oft, ihren Weg zu gehen.

Was bedeutet es, mit ADHS zu leben?

Tom gibt uns einen kleinen Einblick. Er steht im Mittelpunkt eines kurzen Films (zu sehen auf www.adhs-zukunftstraeume.de), der einen Eindruck vom Leben mit ADHS vermitteln will. Das Trommeln ist nicht nur Toms große Leidenschaft, sondern steht auch für das Ständig-unter-Strom-Stehen, das ihn nie ganz verlässt.

Oft sind es nicht die ADHS-Symptome selbst, unter denen Kinder und Jugendliche wie Tom leiden, sondern die Konflikte, die daraus im Alltag entstehen.

Diese beginnen oft bereits morgens mit Auseinandersetzungen in der Familie, setzen sich in der Schule mit Lehrern und Mitschülern fort und führen schließlich dazu, dass die betroffenen Kinder in ihrer Freizeit nur schwer Anschluss finden und oft keine Freunde haben. Ihr schwieriges Verhalten würden sie meist gerne ändern, schaffen es aber ohne Hilfe einfach nicht.

Negative Auswirkungen auf Familie, Schule und Freizeit

Eine ADHS wirkt sich negativ auf alle Lebensbereiche aus. Innerhalb der Familie kosten die Konflikte alle Beteiligten viel Kraft. Zusätzlich stehen die Eltern unter großem Druck von außen: Schnell steht der Vorwurf einer falschen Erziehung im Raum, und sie müssen sich rechtfertigen, weil sie ihrem Kind Medikamente geben – oder weil sie dies gerade nicht tun.

Während in den Medien ADHS immer wieder infrage gestellt und leidenschaftlich über die Behandlung mit Medikamenten gestritten wird, haben die Betroffenen in ihrem Alltag oft andere Probleme. Bis eine gesicherte Diagnose vorliegt, können Jahre vergehen.

„Wir haben in Deutschland zu wenig Ärzte, die ADHS fachgerecht erkennen und behandeln können“, bestätigt Dr. Kirsten Stollhoff. Die Kinder- und Jugendärztin aus Hamburg hat sich auf ADHS spezialisiert.

Auch in der Schule bereitet ADHS den betroffenen Kindern und Jugendlichen Probleme. Was für die meisten normal ist, nämlich still zu sitzen und dem Unterricht zu folgen, ist ihnen oft nicht möglich. Sie versinken in Tagträumen oder sind leicht ablenkbar und stören den Unterricht.

Aufgrund ihrer besonderen Wahrnehmung benötigen sie eine individuelle Betreuung. Ein oder zwei ADHS-Kinder in einer Klasse können eine Lehrkraft schnell überfordern, wenn sie sich mit ADHS nicht auskennt und keine Unterstützung erhält. Obwohl Kinder mit ADHS in der Regel normal begabt sind, gelingt es ihnen häufig nicht, ihr Potenzial auszuschöpfen und ihre Chancen zu nutzen.

Dieses Problem kennt auch Stollhoff. Sie plädiert für eine frühzeitige Erkennung und Behandlung: Kinder, die frühzeitig Unterstützung erhalten, schaffen es oft, ihren Weg zu gehen. Je später die notwendige Hilfe kommt, desto schwieriger wird es, denn die Jugendlichen haben dann schon sehr viele negative Erfahrungen gemacht.

Ziel ist eine flächendeckende Versorgung Gemeinsam mit der ehemaligen Bundesfamilienministerin Renate Schmidt und weiteren Experten hat Stollhoff zehn Ziele erarbeitet, die bis 2020 erreicht werden sollen, um in Deutschland eine gute, flächendeckende Versorgung sicherzustellen.

Eine zentrale Forderung der Experten lautet: ADHS muss künftig besser erkannt werden. Gleichzeitig muss die Zahl der Fehldiagnosen reduziert werden. ADHS ist ein komplexes Störungsbild und die Diagnosestellung entsprechend aufwendig. Sie erfordert eine eingehende Beobachtung und Untersuchung des Kindes, Gespräche mit den Eltern und Lehrern und verschiedene Tests.

Jede ADHS ist individuell ausgeprägt. Neben den richtigen Methoden braucht es vor allem Erfahrung, um eine ADHS von anderen Störungen abzugrenzen.

Gäbe es mehr Kinder- und Jugendpsychiater und spezialisierte Kinder- und Jugendärzte, so gäbe es auch weniger Fehldiagnosen, sind sich die Experten sicher. Das würde wiederum dazu beitragen, dass das Krankheitsbild ADHS nicht immer wieder infrage gestellt und als Modeerscheinung abgetan würde.

Verbesserungsbedarf sehen die Experten auch im schulischen Bereich. ADHS sollte in allen Bundesländern umfassend in die Lehrerbildung integriert werden. Schulen müssen zudem über die nötigen Ressourcen verfügen, um Schüler mit ADHS nach ihrem individuellen Bedarf unterrichten zu können. Auch im Medizinstudium sollte ADHS verbindlicher Lehrinhalt sein.

Vorurteile belasten die Betroffenen zusätzlich

Doch auch jenseits des Gesundheits- und Schulsystems kann jeder Einzelne etwas dazu beitragen, die Situation der Betroffenen zu verbessern. Dies beginnt damit, sich zu informieren und Verständnis zu entwickeln für die besondere Situation der Betroffenen. Anstelle von Schuldzuweisungen und Grabenkämpfen um die vermeintlich richtige Art der Behandlung brauchen sie in erster Linie Unterstützung.

„ADHS ist eine ernst zu nehmende, belastende Erkrankung“, betont Renate Schmidt. „Doch wenn alle Beteiligten gut zusammenarbeiten, können auch Kinder mit ADHS ihr Potenzial entfalten und uns mit ihrer besonderen Art wahrzunehmen bereichern.“