Im Interview verrät sie, wie man auch im Erwachsenenalter mit diesem „Handicap“ leben lernen kann und wie sie anderen hilft, das Bild der perfekten Familie einfach mal über Bord zu werfen.

Wie kam es zu der ungewöhnlich späten Diagnose?

Schlüsselerlebnis war für mich ein Treffen in einer Selbsthilfegruppe. Diese besuchte ich, nachdem ich erfuhr, dass mit meinem Sohn irgendetwas anders ist. Erst dann begann ich, viele Parallelen zwischen uns beiden zu sehen. Irgendwie ergab alles einen Sinn und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: ADHS war auch für mich der Grund, warum in meinem Leben vieles so gelaufen ist. Auf einmal hatte ich eine Erklärung dafür, warum ich so war und in vielen Situationen anders handelte und fühlte. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, doch nicht so verkehrt zu sein.

Wie hat sich dieses „Anderssein“ in Ihrer Kindheit geäußert?

Ich wurde immer als Nervensäge verschrien, war sehr aktiv, plapperte dazwischen.In meinen Zeugnissen stand jedes Mal: „Petra ist eine sehr freundliche, aufgeschlossene Schülerin, die allerdings einen sehr oberflächlichen Arbeitsstil an den Tag legt.“ Ich hatte das Motto, mit möglichst wenig viel zu erreichen.

Gibt es da Parallelen im Verhalten Ihres Sohnes?

Auf jeden Fall, auch wenn er eher nicht der hyperaktive Typ ist, sondern ein Träumer. Er kann stundenlang sitzen und Dinge beobachten. Nur das impulsive Verhalten haben wir miteinander gemein. Wir sagen einfach, wenn uns etwas nicht gefällt, was uns manchmal natürlich nicht unbedingt beliebter macht.

Was hat Ihnen im Umgang mit ADHS meisten geholfen?

In meiner Schulzeit war es entscheidend, dass ich einen Mentor hatte, der für mich da war. Ich kann mich noch sehr gut an einen Lehrer im Gymnasium erinnern, der mich in einer Schublade hatte und da auch nicht rauslassen wollte. Für den war ich einfach faul.

Einige Zeit später dann hatte ich einen neuen Lehrer, der mich verstanden hat und wusste, wie er mich motivieren kann, und auf einmal lief es auch in diesen Fächern. Das Schubladendenken ist unglaublich hinderlich. Man braucht Menschen, die an einen glauben. Jetzt ist es vor allem mein Mann, der mich und meine „Macken“ einfach versteht.

Beeinflussten diese Erfahrungen Ihren Berufswunsch?

Durch die Diagnose ADHS bei meinem Sohn erfuhr ich, was für einen Spießrutenlauf man absolvieren muss, bis man irgendwann eine Antwort erhält. Es gab so unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema. Ich hatte es satt, immer nur die Defizite zu betrachten.

Für mich wurde immer klarer, dass ich irgendwie dazu beitragen wollte, eine Anlaufstelle zu schaffen, die möglichst schnell erste Fragen beantworten und Perspektiven verändern kann. Für mich persönlich ist ADHS keine Erkrankung, sondern eine Bereicherung, wenn man lernt, damit umzugehen. Schafft man das nicht, dann kann es ein riesengroßes Handicap sein.

Tipps für Eltern mit ADHS Kindern

Die drei wichtigsten Tipps:

  1. Hören sie auf Ihre Intuition, auf Ihr Bauchgefühl. Lassen Sie sich nicht von anderen reinreden. Sie kennen Ihr Kind am besten, so wie es ist und was für es am besten ist. Suchen Sie sich die Hilfe, die sich in Ihre Familie integrieren lässt.
  2. Zweitens sollte man im Alltag versuchen die Perspektive auf das Alltägliche etwas zu ändern. Umdenken von dem was defizitär ist. Was läuft hier schief mit uns? Was gibt es denn für positive Erlebnisse, die wir am Tag haben? Das sollte man nicht als selbstverständlich nehmen. Das kann ich auch als Mutter sehr gut nachempfinden. Das sind so Dinge, die auch in anderen Familien ganz selbstverständlich sind, wenn zum Beispiel das Kind zum ersten Mal von der Schule kommt und seine Jacke endlich mal direkt an die richtige Stelle hängt anstatt sie auf den Boden zu werfen. Dann sollte man das positiv sehen und auch wirklich bewusst machen. Und wenn man bei den kleinen positiven Dingen im Alltag anfängt, dann lässt sich mit Sicherheit so eine Negativspirale in der man steckt, ausgebremst und wenn man glück hat dreht sich das auch wieder in die positive Richtung.
  3. Und der dritte Tipp den ich habe, wenden sie nur 20% der Kommunikation am Tag dem Thema Schule zu und 80% für andere Themen. Man sollte ganz  bewusst nicht nur über Probleme sprechen und den Hauptteil ganz bewusst anderen Themen widmen

Besuchen Sie www.ads-lernwerkstatt.de für mehr Informationen.