Die Situation ist paradox: Immer wieder wird über falsche Diagnosen und die richtige Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diskutiert, während es nach wie vor zu wenig spezialisierte Ärzte gibt und viele Betroffene erst spät oder gar nicht erkannt werden. Bis eine gesicherte Diagnose gestellt und eine wirksame Behandlung begonnen wird, können Jahre vergehen – ein langer Leidensweg für die betroffenen Kinder und ihre Familien.

„Die öffentliche Diskussion um ADHS findet häufig zu Lasten der Betroffenen statt“, meint Dr. Myriam Menter vom Selbsthilfeverband ADHS Deutschland e. V. Immer wieder ist von Eltern die Rede, die nicht erziehen können, ihre Kinder ruhigstellen oder deren Schulleistung mit Hilfe von Medikamenten verbessern wollen. „Das hat mit der wirklichen Situation der Betroffenen nichts zu tun“, so Menter.

Verkanntes Leid

Kinder mit einer unbehandelten ADHS leiden oft stark. Bei Gleichaltrigen stoßen sie durch ihr schwieriges Verhalten auf Ablehnung. „Sie haben es schwer, Freunde zu finden. Mitunter werden sie systematisch provoziert und gemobbt“, weiß Menter. Mit ihren Schulleistungen bleiben ADHS-Kinder meist hinter ihren Möglichkeiten zurück und landen schnell auf einer Förderschule, weil sie für Aufgaben viel mehr Zeit benötigen als ihre Mitschüler.

Ablehnung und wiederholtes Scheitern frustrieren viele Kinder und Jugendliche mit ADHS. „Manche identifizieren sich mit ihrer Rolle als Rabauke oder Klassenclown, um so Anerkennung zu bekommen. Andere werden depressiv und äußern sogar Selbstmordgedanken“, berichtet Menter.

Haben sie nur eine Aufmerksamkeitsschwäche ohne ausgeprägte Impulsivität oder Hyperaktivität (auch ADS genannt), so laufen sie Gefahr, als „Träumer“ zu Außenseitern zu werden. Die Eltern wiederum sehen sich Vorwürfen von anderen Eltern und Lehrern ausgesetzt. Die Gefahr ist groß, dass betroffene Familien in einen Teufelskreis aus Vorwürfen und Streit geraten und das Selbstbewusstsein der Kinder ernsthaft Schaden nimmt.

Frühzeitig behandeln

„In der Entwicklung eines Kindes zählt jedes Jahr. Deshalb ist es wichtig, die Betroffenen früh zu erkennen und wirksam zu behandeln“, sagt Martin Holtmann, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Bochum. Die Behandlungsleitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie empfehlen eine so genannte multimodale Therapie der ADHS.

Verschiedene Bausteine, unter anderem Verhaltenstherapie und Medikamente, sollen nach individuellem Bedarf ausgewählt und kombiniert werden. Die Basis hierfür bildet eine sorgfältige Diagnostik, durchgeführt von einem erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater, Kinderarzt oder Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.

Wie bei anderen psychiatrischen Erkrankungen, etwa bei einer Depression, gibt es klare Kriterien für die Diagnose, die durch standardisierte Befragungen von Kindern, Eltern und Lehrern sowie verschiedene Tests überprüft werden müssen. Nur so kann eine ADHS von anderen, ähnlichen Störungsbildern abgegrenzt werden.

„Wenn Eltern, Lehrer, Ärzte und Therapeuten richtig zusammenarbeiten, können auch Kinder mit ADHS ihren Weg gehen“, so Holtmann.  Doch die multimodale Therapie ist leider noch zu selten Realität. Vor allem in ländlichen Gebieten müssen Betroffene lange Wege und Wartezeiten in Kauf nehmen, um von einem ärztlichen Spezialisten behandelt zu werden. Einen Grund für den Mangel an Spezialisten sieht Holtmann in der nicht kostendeckenden Honorierung der Diagnostik und Behandlung der ADHS durch Kinder- und Jugendärzte.